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Hidveghy, Agnes
Agnes Hidveghy


Agnes Hidveghy, born 1935, escaped from her native country Hungary in 1956 and settled in Switzerland in 1957. She has studied Gurdjieff's ideas and Sufism over 45 years and has lately written about her discoveries in Christianity and her studies of the Isenheim Altar. She has recently established an art studio called 'ars sacra' in Stettfurt, Switzerland.

Web:

arssacra.org
 

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Die Erlösung der Mutter


Der spirituelle Weg und die Mutterbeziehung






Hl. Anna Selbdritt - Leonardo da Vinci

Das Bild der Mutter steht zwischen dir und dem Leben.

Wenn du deine Mutter in dir erlöst hast,
wird sich das Leben in seiner Fülle offenbaren.




Muttertag



Es war ein sonniger, milder Tag – wie Muttertag sein sollte. Heidi ging in die Natur hinaus, allein. Nein, - es ist besser, wenn sie Eva heisst - Eva, die Mutter der Mütter.

...Und so ist die Geschichte noch einmal erzählt:

Es war Muttertag. Eva ging in den schönen, sonnigen Tag hinaus, sie wollte nicht allein zu Hause bleiben und den ganzen Tag mit der Hoffnung vergeuden, dass die Kinder sich melden würden. Dabei hatte sie übersehen, dass sie schon lange nicht mehr «Mutter» war; sie war nicht einmal die Grossmutter. Für ihre Kinder und Enkel – die zum Teil auch schon erwachsen waren – war sie Eva. Schon seit einer langen Zeit.

Es klang in ihren Ohren von Anfang an etwas fremd, dem Zeitgeist entsprechend «cool». Ja, genau; es fehlte die Wärme darin – die Wärme des Blutes, die Generationen der gleichen Familie verbindet. Dadurch wurde die Hierarchie in der Beziehung verleugnet, die einfach darin besteht, dass die Alten seit längerer Zeit hier auf dem Planeten sind und einige Schritte in der Linearität der Zeit voraus sind. Es wurden die Kanäle ausgeschaltet, die durch die Gene, durch jede Blutzelle, eine direkte Kommunikation zwischen Mutter und Kind ermöglichen. Die Funktion der Generationen in Bezug zu einander wurde «destrukturiert».

Eva hatte sich nicht für eine besonders gute Mutter oder Grossmutter gehalten, sie war nicht so, wie sie sich das gewünscht hätte. Ihre Veranlagung, ihre Erziehung und die Umstände des Lebens, boten nicht die idealen Voraussetzungen dazu. Eva kämpfte mit den Mitteln, über die sie verfügte, um ihren Kindern das Beste zu geben. So, wie das eben jede Mutter tut. Und für die Grossmutter-Rolle war sie zu jung gewesen, körperlich zu reduziert und sie hatte als alleinstehende Frau für das Überleben in der Welt gekämpft. Für Gespräche hatte sie aber immer Zeit, für das, was die Seele betraf, war sie immer da. Und genau das wurde von ihr nicht mehr gebraucht. Als Eva wurde sie nicht gebraucht, und als Grossmutter wurde sie nicht erkannt.

Die Folgen des Wechsels von einer Mutter und Grossmutter zu Eva entwickelten sich dann allmählich. Als Eva wurde sie ein Fremdkörper, der nicht gebraucht werden konnte. Sie hatte keine Funktion mehr, sie war einfach «anders» und nicht «kompatibel» in der Gemeinschaft der Jungen, die sich aus den hierarchischen Strukturen befreit hatten.

Eva hätte es wissen sollen: Die Kinder so zu erziehen, dass in ihnen der Funktion der Mutter gegenüber Respekt eingeimpft wurde. Aber sie brauchte das als Person nicht, und in ihr war zu jener Zeit die Thematik der eigenen Mutterbeziehung noch nicht soweit bearbeitet, dass sie die Konsequenzen hätte erkennen können. In ihr war immer noch ein Widerstand gegenüber der eigenen Mutter, der sich etwa so ausgedrückt hat: «Ja nicht so, wie meine Mutter werden». Da die Mutter Eva‘s eine sehr autoritäre Haltung hatte, wechselte die Tochter ins Gegenteil. Psychologisch könnte man sich auch darauf beziehen: Eva hat als «Mutter der Mütter» keine Mutter gehabt. Subjektiv hat sie es auf jeden Fall so erlebt. Wie kann sie dann selber eine werden? Ist es möglich, ohne entsprechendes Inbild, eine Funktion zu erlernen und zu erfüllen? Kann man etwas weitergeben, was man nicht erhalten hat?

Der Muttertag endete so, wie er enden musste: Die Kinder waren in der Nähe mit den Enkelkindern fröhlich beisammen, ohne dass sie zu Eva kamen. Sie wurde auch an dem Tag allein gelassen. Natürlich war die Mutter in ihr wieder verletzt, emotionale Reaktion inbegriffen. Das, was ihr half, war die Erinnerung, dass sie so oft die Muttertage der eigenen Mutter vergessen hatte. Als anschliessend jeweils ein Telefonanruf mit bitteren Vorwürfen kam, war es schwierig, nicht in Schuldgefühlen zu versinken. «Du wirst schon selber verstehen, wenn du soweit bist wie ich» - sie konnte es damals nicht mehr hören. An diesem Muttertag wusste sie, was ihre Mutter damit gemeint hatte. Sie wusste es aus eigener Erfahrung.

Eva hat mit der Zeit noch etwas begriffen. Sie selber hat die Gesetze der Hierarchie auch unterschätzt. Sie hat gemeint, dass eine Verständigung in Freundschaft zwischen Mutter und Kind möglich ist. Sie hat sich darüber so gefreut, dass sie die Barriere, die zwischen Generationen steht, nicht wahrgenommen und dadurch nicht geachtet hat. Sie übertrat damit eigenmächtig eine Grenze, die sie hätte respektieren sollen. Die Folge davon war, dass ihre Tochter sich mit Gewalt aus der inneren Beziehung herausreissen musste.

Es brauchte einige Zeit, bis Eva verstand, was geschehen war, weil an der Oberfläche im Umgang mit der Tochter nichts Dramatisches geschah. Aber in der Herzgegend von Eva entstand etwas, was sich lebensbedrohlich anfühlte. Als sie erkannte, womit das in Zusammenhang steht, verschwand diese existentielle Bedrohung in ihrer Körpermitte. Die schmerzlichen emotionalen Reaktionen in den konkreten Situationen waren auszuhalten.

Diese Erfahrung hat zu einem neuen, grundlegenden Verständnis bei Eva geführt: Sie verstand, dass Mütter, die aus dem Kreis ihrer Kinder ausgestossen werden, entweder verbittert und böse, fordernd und rücksichtslos werden oder in einer Depression versinken können. Sie hat begriffen, dass das Durchschneiden der Verbindung zwischen Generationen tiefere Schichten betrifft, als die emotionale. Emotionale Verwahrlosung und Entartung sind nur Symptome einer tiefen existentielle Verletzung. Das eigentliche Geschehen ist jenseits von Emotionen und Verstand, jenseits von persönlichen Entscheidungen, es ist die Verleumdung und Verletzung eines kosmischen Bezugnetzes, auf der existentiellen Ebene. Es ist ein Akt gegen die grösste Kraft des Universums, gegen das Gesetz der Liebe.

Das hat in Eva weiteres Verständnis ausgelöst: Sie hat das Wesen des Ahnenkultes in den unterschiedlichsten Kulturen erkannt. Sie hat es verstanden, warum in hochentwickelten Kulturen die Kleinkinder und die Alten das erhalten, was sie brauchen: In die Lebensgemeinschaften einbezogen zu werden. Und genau das ist es, was in der westlichen Kultur den Alten und den Verstorbenen entzogen wird. Damit bleibt jede Generation wurzellos.

Eva erkannte, dass diese Art der Beziehungslosigkeit zu einer Verarmung jedes Individuums führt: Die Bodenschätze unseres irdischen Erbes bleiben unerschlossen. Und sie führt zur Einsamkeit im Alter, auch in der nächsten Generation. Das Muster wird weitergereicht. Das Muster der Beziehungslosigkeit, der Vereinsamung und der Unfruchtbarkeit hat weitreichende Folgen.

Kann eine blühende Pflanze, die vom Boden abgeschnitten und in eine Vase gestellt wird, je erfahren, was es heisst, zu welken, um Früchte tragen zu können?

Darin liegt aber die Schwierigkeit, wenn man das Muster unterbrechen möchte. Muss die Tochter auch alleingelassen werden im Alter, und ihre Töchter auch, weil Eva dieses Muster für sie nicht verändern konnte? Ist es zu spät? Wie kann sie diese Erfahrung weitergeben, ohne Schuldgefühle anzusprechen, die sofort wach werden, wenn die Mutter ihrem Schmerz darüber Ausdruck gibt, dass sie übergangen, alleingelassen, ausgegrenzt worden ist?

Ansprüche? Erwartungen? Sicher, auch.

Für Eva ist es gleichzeitig ein Schmerz, die Essenz der eigenen Erfahrungen nicht weitergeben zu können. Damit die nächsten Generationen nicht «bei Adam und Eva» anfangen müssen. Damit sie frei werden, damit sie sich für die Zukunft, für den Aufbau einer besseren Welt einsetzen können. Es ist ihr klar geworden, warum man sagt, dass eine Kultur zerfällt, wenn die Alten nicht mehr geehrt werden.

Wie könnte eine tragfähige Tradition entstehen, die Voraussetzung von jeder Kultur ist? Eine Tradition, die den Kindern ermöglicht, dass ihnen das Wissen vorheriger Generationen in einer selbstverständlichen Form «mit in die Wiege» gelegt wird?


«Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren,
auf dass du lange lebest in dem Lande,
das dir der Herr, dein Gott, geben wird.»

(2. Mose 20, 12)


Macht diese Aussage, eines der Zehn Gebote, für uns heute einen Sinn?

Können wir «langes Leben» mit der Ehrung der Eltern in Zusammenhang bringen? Was heisst überhaupt «ehren»? Wir sind gewohnt, unsere Eltern allein auf uns bezogen zu analysieren und auf Grund von dem, was wir dabei herausfinden, zu beurteilen. Als ob wir sie durchschauen und verstehen würden.

Wir sehen unsere Eltern immer noch aus der kindlichen Sicht. Aus dieser Perspektive werden wir sie niemals erkennen können. Wir werden sie in ihrem Menschsein, in ihrer Ganzheit, mit ihren Wurzeln und Möglichkeiten, mit ihren Bemühungen, Nöten und Opfern, in ihrer eigenen Zeit eingebettet, nicht erfassen. Den Boden, den sie für uns erschaffen haben, nehmen wir selbstverständlich an – eben, wie ein Kind das tut. Wie ein Kind, haben wir als Erwachsene immer noch Erwartungen an sie, die sie nicht erfüllen können. Wie wenn sie Halbgötter wären und ihre Lebensberechtigung einzig darin bestünde, uns ein Leben nach unseren Vorstellungen zu ermöglichen: Ohne Anstrengungen und Spannungen, ohne Verzicht und ohne Schmerzen. Sie werden von uns für alle Unvollkommenheiten dieser Welt persönlich verantwortlich gemacht und konsequenterweise müssen sie in unseren Augen die Schuld dafür tragen.

Hat uns jemand je beigebracht, was «Ehre» ist? Oder verwechseln wir Ehre mit Stolz und Machtstruktur? Sollte eine Person unseren Vollkommenheits-Vorstellungen entsprechen, damit wir sie ehren können?


«Derjenige, der ich sein könnte,
schaut traurig den an,
der ich bin.»


Betrachten wir diese Aussage zuerst einmal psychologisch.

Die Verletzungen, die zum Mensch-Sein gehören, und viele von den unbewusst übernommenen, nicht erkannten Mustern aus der Kindheit, sind unbearbeitet. Sie verhindern, dass sich das, was wir sind, in der Zeit als Prozess in seiner ganzen Fülle und Lebendigkeit entfalten kann. Sie belasten unsere Psyche, wie Unverdautes im Magen den Körper beschwert. In den Muskeln, in den Organen, in den Knochen, ja, bis in die Zellstrukturen hinein ist unverdauter psychischer Ballast angesammelt. Sie unterstützen die negativen Verbindungen der Gehirnzellen, die assoziative Denkprozesse bestimmen. Unser Gefühlsleben ist von ihnen durchsetzt, wir leben das Leben, das durch unser Erbe – bis auf sieben Generationen zurück – bestimmt wird.

Besonders durch die mütterliche Linie werden wir durch unsere Vorfahren «besetzt». In den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens schaffen wir uns dadurch unnötiges Leiden: Vorstellungen und unerfüllbare Erwartungen in Beziehungen, im Beruf, überhaupt, dem Leben und uns selbst gegenüber. Unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten sind durch den Schleier und Raster, die sie bilden, blockiert. Das macht uns mit der Zeit krank, weil wir gehindert sind das zu entfalten, was wir sind. Wie könnten wir dann auf ein langes Leben hoffen? Zwischen dem, was durch uns gelebt wird und dem, was unser Leben sein sollte, ist eine Diskrepanz und Spannung, wodurch wir dauernd gestresst sind. Heute wissen wir, dass Stresshormone, die nicht abgebaut werden und andauernd im Körper anwesend sind, krank machen und das Leben verkürzen.

Heute wird durch ein psychologisches Halbwissen vorgeschlagen aus dieser Spannung auszusteigen, indem wir uns von diesem hindernden Erbe abkoppeln. «Damit habe ich nichts zu tun. Das ist das Problem meiner Mutter.» So etwa tönt die Begründung. Manchmal ist es sogar subtiler: «Ich gebe die Last meiner Grossmutter zurück, dorthin, wo sie entstand.» Das Erbe ist in unseren Knochen und Zellen, wir können es nicht wie einen Umhang abwerfen. Wir sind bis in die Gene von ihm bestimmt.

Durch unser Blut räsonieren wir mit allem, was mit unseren Eltern - oder auch mit unseren Kindern geschieht. Wir können diesen Kanal nicht (einfach) ohne schwere Konsequenzen abtrennen. Durch eine Abkoppelung von unseren Eltern werden wir auch von den vererbten Möglichkeiten abgeschnitten. Das Kind wird mit dem Bade ausgeschüttet. Es ist wie mit einem konkreten Erbe: Entweder nimmt man das Ganze, oder bei der Ablehnung erhält man nichts davon. Man kann nicht nur die Rosinen auswählen. Es macht keinen Sinn, den Rucksack, den wir erhalten haben, einfach auf unserem Rücken zu schleppen. Wir können ihn aber aufmachen, den Inhalt anschauen und verwerten. Damit wird gleichzeitig das Unbrauchbare abgeladen.

Wir sind Gesetzen unterstellt, unsere individuelle Macht kann sie nicht überspringen. Wir können aus dem Gegebenen immer mehr machen, als es durch eine gewohnte, noch unreife Sicht aussieht. Entscheidend ist der richtige Ansatz dazu: Welchem Wegweiser wir dabei folgen. Den Weg müssen wir schon selber gehen. Abkürzungen und Verweigerung führen in Sackgassen.

Das Gleiche gilt für starke emotionale Bindungen zu einem der Elternteile. Es kann genau so hinderlich sein, wenn wir alles Gute und Schöne an unsere Mutter oder an unseren Vater delegieren, unabhängig davon, ob sie oder er in der Wirklichkeit unserem Bild in uns entspricht oder nicht. Die projizierten Qualitäten bleiben draussen, d. h. sie werden in uns nicht erkannt und entwickelt und die Ansätze werden in uns verkümmern.

Es ist uns viel zu wenig bewusst, dass wir immer mit einem Elternteil grundsätzlich durch positive und mit dem anderen durch negative Projektionen verbunden sind. Das Kind ist nicht fähig, das «Gute» und das «Böse» gleichzeitig in einer Person zu sehen. Die Folge ist, dass das Angenehme, also «Gute» dem einen Elternteil zugeteilt wird und das Unangenehme, das Unverständliche, das «Böse» dem anderen Teil angehängt wird. Wenn der Ansatz einmal entstanden ist, kann diese Zuteilung ein Leben lang bestehen bleiben. Dadurch wird unsere Sicht getrübt sein, wir bleiben bezüglich unseren Eltern in Illusionen gefangen. Wir verteufeln oder veridealisieren sie. Sie bleiben Träger für Qualitäten die dadurch in uns unerkannt bleiben. Das verunmöglicht mit unserer eigenen Wirklichkeit und mit unseren Möglichkeiten in Kontakt zu kommen.

Elternbeziehung und der spirituelle Weg



Es kann sein, dass ein Lehrer seinen Schüler an einem bestimmten Punkt der Entwicklung wegschickt, damit er seine Eltern erlöst. Vorher gibt es auf dem spirituellen Weg keine weitere Entwicklungsmöglichkeit. Wir haben keine Zukunft, solange uns die Vergangenheit bestimmt, bindet, unterminiert, vergiftet. Die Erlösung der Vergangenheit kann nur in der Gegenwart durch uns geschehen. Wir können nur im lebendigen Jetzt die Auswirkungen der Vergangenheit erfahren, erkennen und erlösen. Die alten Muster können sich nur ändern, wenn wir sie in unserer Gegenwart, als eigene Wirklichkeit klar wahrnehmen. Dann wird der Inhalt des Rucksackes zu Rohmaterial, das uns durch Transformation zu eigener Substanz wird. Das Erbe wird «verdaut». Die alten, schmerzlichen Wunden müssen deshalb neu aufgerissen werden, damit sie im Jetzt lebendige Erfahrung werden und dadurch die Möglichkeit zum heilen erhalten.

Diese innere Arbeit braucht oft Jahrzehnte. Unser Erbe ist erlöst, wenn es zu eigener Substanz transformiert wurde, soweit, dass die Dankbarkeit und Liebe zu unseren Eltern uns von innen her überströmt. Dann ist die Beziehung zu unseren Eltern hergestellt. Dann sind wir mit ihnen in Liebe verbunden. Dann erst können die Bemühungen und Leiden unserer Eltern in uns Früchte tragen. Dann sind unsere Eltern in uns erlöst und wir werden durch unsere Ahnen getragen.

Dieser Erlösungsprozess wird durch eine kritische Analyse und negative Einstellung den Eltern gegenüber verhindert. Eine gedankliche «Anerkennung» genügt nicht. Sie kann genau so entwürdigend sein, wie die Kritik. Beide basieren auf Vorstellungen. Die kindlichen Erwartungen, durch welche die Eltern als göttliche Wesen angeschaut werden, können nur enttäuscht werden und sie blockieren uns darin, die Eltern in ihrer menschlichen Würde, in ihrer Unvollkommenheit zu erkennen. Die Erkenntnis ist notwendig, dass unsere Eltern für uns Funktionsträger sind, damit hier, in dieser Welt, die für uns notwendigen Bedingungen entstehen können: Körperlich, seelisch und geistig, und in den praktischen Voraussetzungen. Dann entsteht Respekt den Menschen gegenüber, die wir zwar nicht verstehen, aber denen wir dankbar sind, dass sie durch ihre Funktion unsere Inkarnation ermöglicht haben.

In diesem Sinne ist das Ehren eine notwendige Haltung allen gegenüber, die vor uns gehen. Sie sind in der Zeit vor uns, dadurch für unser Verständnis nicht fassbar. Erst, wenn wir selber an dem Punkt sind, in unserer Zeit, werden wir sie verstehen können. Dann aber werden wir allein sein, weil diejenigen, die nach uns kommen, unsere Funktion als Mutter oder Vater wiederum aus der Erfahrung noch nicht kennen und uns mit ihrer beschränkten Sicht beurteilen werden.

Die Vergangenheit liegt hinter uns. Das Leben unserer Vorfahren ist vorbei in der linearen Zeit. Gleichzeitig gehen sie vor uns, damit unser Weg vorbereitet ist. Ist es nicht ein Paradox? Dem ganzen Leben können wir uns nur annähern, indem wir überall das Widersprüchliche erkennen.

Funktion der Mutter



Die Funktion der Mutter ist: Kinder austragen und auf die Welt bringen. Mit dem Kinder-Austragen und auf die Welt bringen meine ich mehr, als körperlich ein Kind zu empfangen, 9 Monate mit dem eigenen Blut zu nähren und dann zu gebären. Das ist die körperlich erfüllte natürliche Funktion, die jedem Tier eigen ist.

In diesem Vorgang liegt das Muster, das nach dem Gebären auf einer anderen Ebene als Orientierung dienen kann. Kinder auf die Welt zu bringen in einer Funktion, die wir «Erziehung» nennen, kann nur erfüllt werden, wenn wir verstehen, dass diese Aufgabe eine heilige Funktion ist. Ein Kind ausserhalb des Körpers austragen, meint nicht nur zu tragen, sondern so zu begleiten, mit Impulsen versorgen, den nötigen Raum zur Verfügung stellen und hindernde Einflüsse möglichst fernhalten, dass es zu einem verantwortungsbewussten, handlungsfähigen Menschen heranwachsen kann, der fähig ist, seine Aufgabe zu erkennen und zu erfüllen.

Das kann eine Mutter bestimmt nicht erreichen, indem sie das Kind mit allem versorgt, was seine Trägheit nährt. Die Trägheit ist Bestandteil von allem und jedem. Sie will uns Menschen nicht nur von jeglicher Anstrengung, und damit auch von der Entwicklung zurückhalten. Durch die Trägheit verlangen wir nach ständiger Unterhaltung und wollen so motiviert werden, dass das Leben keiner Anstrengung bedarf Trägheit sucht immer den Weg des geringsten Widerstandes.

Die Fürsorge der Mutter, die ein Baby braucht, kann bereits vom Kleinkind missbraucht werden. Und dann entstehen «Riesenbabys», die den Raum, der von der Mutter zur Verfügung gestellt wird, beanspruchen und unselbständig bleiben. Menschen, die so heranwachsen, brechen zusammen, wenn sie vom natürlichen Leben oder von aussen her nicht «motiviert» werden, wenn sie Herausforderungen ausgesetzt sind. Sie lernen nur Forderungen zu stellen, aber keine Pflichten zu erfüllen. Sie sind nicht fähig, die Verantwortung für das eigene Leben und für die eigenen Zustände zu übernehmen. Wenn niemand da ist, um ihre vermeintlichen «Rechte» zu erfüllen, werden sie seelisch krank – entweder aggressiv oder depressiv. Zur Aufgabe der Mutter gehört es, im Kind eine innere Instanz heranbilden zu helfen, wodurch das Kind unabhängig von den ständig schwankenden Einflüssen des Lebens auf eigenen Beinen stehen kann. Die schlimmste seelische Folge von unserer Erziehung und der daraus entstehenden Haltung zu konsumieren ist: Der Depression ausgeliefert sein.

Die Funktion der Mutter beinhaltet mehr, als den Vorstellungen und momentanen Wünschen des Kindes zu entsprechen. Hinter diesen müssen Mütter die wirkliche, auf die Zukunft bezogene Bedürfnisse wahrnehmen. Das wäre eigentlich die Funktion des Vaters. Aber wenn die Mütter von den Vätern mütterliche Qualitäten erwarten und fordern, müssen sie auch väterliche Werte verstehen und übernehmen. Sonst hat das Kind zwei Mütter und niemand vertritt die zum gesunden Wachsen notwendige Funktion des Vaters. Besonders allein erziehende Mütter sollten sich mit diesem Thema auseinandersetzen:

Wozu erziehen wir unsere Kinder?



Vor Jahren habe ich im Radio ein Interview mit einer alten Indianerin gehört. Sie erzählte, wie in ihrer Tradition die Neugeborenen von ihren Müttern betreut werden. Sie sprach davon, dass ein Neugeborenes soweit eingewickelt wird, dass es nicht ganz frei herumstrampeln kann. Die Mutter hat das Kind ständig in ihrer Nähe und singt immer wieder ein Lied, dessen Inhalt über das Leben in dieser Welt handelt. Sie übermittelt dem Kind die Botschaft, dass es in dieser Welt, in die es hineingeboren ist, nicht die Freiheit seines Ursprungs findet, dass es von Anfang an lernen muss, mit den gegebenen Bedingungen und Beschränkungen zu leben. Sie wiegt das Kind und lehrt es, die Welt der Materie als Herausforderung anzunehmen. Damit bringt sie ihr Kind «auf die Welt».

Heute befreien wir uns langsam von der Vorstellung, dass das Kind eine sterile Umgebung zur körperlichen Gesundheit braucht. Es gibt die Erkenntnisse, dass Staub, Mist und natürlicher Dreck eine bessere Voraussetzung sind als sterile Sauberkeit. Das Gleiche gilt auf der seelischen Ebene: Die gesunde Entwicklung des Kindes wird nicht dadurch gefördert, dass wir die Spannungen und Schwierigkeiten von ihm fernhalten. Das Kind muss auch im Seelischen ein «Abwehrsystem» entwickeln, was am einfachsten ist, wenn es die Eltern mit ihrem Beispiel vorleben.

Die heutigen kollektiv gültigen Vorstellungen in der westlichen Welt über die Funktion der Mutter übermitteln ein falsches Bild. Ohne das Wissen einer, aus Wissen entstandene Tradition, ist es in einer Kleinfamilie schwer, die richtige Haltung zu finden.

Eine Mutter ist keine Spielgefährtin,
keine Dienerin,
baut keine Illusionen auf,


indem sie das Kind vom «Leben» abschirmt. Sie ist Beispiel, wie man mit den Spannungen in dieser Welt lebt. Sie trägt die Spannungen und übermittelt dem Kind soviel davon, wie es dem Kind gerecht ist. Dabei unterschätzen wir unsere Kinder. Wir geben ihnen das Gefühl, dass sie zu weniger fähig sind, als es in ihren Anlagen gegeben ist. Wir nehmen den Kindern die Möglichkeit, für sich – ihr Innenleben inbegriffen – die Verantwortung mehr und mehr zu übernehmen. Wir entmündigen unsere Kinder. Wir trauen ihnen zu wenig zu. Sie können nur das entwickeln, was wir Eltern – oder nahe Bezugspersonen – in ihnen sehen.

Gleichheit im Wesen, Hierarchie in der Funktion



Muttersein ist eine Funktion. Eine Funktion steht immer in Bezug zu etwas anderem, zu jemand anderem: Eine Frau ist ihrer Mutter gegenüber die Tochter, und Mutter in Bezug zu ihren Kindern. Wir könnten auch von verschiedenen Rollen sprechen, die ein und derselbe Mensch auf der Bühne des Lebens spielt.

Die Mutter vertritt das Mütterliche in dieser Welt, sie ist verantwortlich dafür, dass in ihrem Kind dem Mütterlichen gegenüber Respekt entsteht. Wie soll sie es aber fertigbringen, wenn sie selbst das Mütterliche, das Weibliche überhaupt, nicht in seiner Heiligkeit erkennt? Wie könnte sie das Mütterliche in Würde vertreten, solange sie die weibliche Seite Gottes nicht erkannt hat? Und wie könnte sie den weiblichen Aspekt Gottes erkennen, solange sie ihre eigene Mutter nicht erkannt hat?

Wenn wir nicht erkennen, dass Mutter-Sein eine heilige Funktion ist, dass eine Mutter für ihr Kind einen Aspekt des Göttlichen repräsentiert, dann pflanzen wir in unseren Kindern ein falsches Bild des Mütterlichen ein. Wer soll die Beziehung zum mütterlichen Aspekt Gottes einprägen, wenn nicht die eigene Mutter? Wie können wir das richtige Bild einprägen, solange in uns selbst ein falsches Bild ist?

Es wird oft von «der Grossen Göttin», von dem «Urweiblichen» oder von der „Urmutter“ gesprochen, geschrieben, über Visionen und «weibliche Rituale» berichtet. Das bleibt alles in der Dualität, ausserhalb von uns. Der WEG zum Weiblichen in uns und dadurch zur weiblichen Seite Gottes führt durch das Bild, das durch unsere Mutter (oder durch eine andere dominierende weibliche Bezugsperson) in uns eingeimpft worden ist.

Erst in meinen reiferen Jahren erkannte ich den Wert, der mir durch meine eigene Mutter vermittelt wurde. Ich habe in der Jugend kein Verständnis dafür gehabt, dass meine Mutter sich in einer respektablen Distanz gehalten hat: Wir durften sie nicht einmal duzen, wir mussten zu ihr respektvoll «Sie» sagen, und das behielten wir Kinder bei bis zu ihrem Tod im hohen Alter. (In der ungarischen Sprache gibt es eine Höflichkeitsform, die man schwer übersetzen kann.) Sie war Vertreterin des Mütterlichen, sie hatte ihre Funktion mit allen ihren eigenen Stärken und Schwächen erfüllt. Sie war noch in der christlichen Tradition verwurzelt, obwohl in ihr bereits der Atem des neuen Zeitalters pulsierte.

Jede Mutter muss es lernen, sich von ihrer Funktion zu trennen. Es ist nicht die Person, sondern die Funktion, die Respekt braucht. Wie könnte sonst die hierarchische Ordnung in der Funktion erkannt und übermittelt werden? Die ganze Schöpfung ist in einer hierarchischen Ordnung aufgebaut. Wenn wir keinen Sinn dafür entwickeln, wird uns auch eine innere Orientierung dafür fehlen: Wir werden alles nebeneinander stellen. Die Über- und Unterordnung werden leere Begriffe bleiben oder zu Erdrückung und Unterwerfung führen. Die ganze Menschheit leidet unter den daraus folgenden Machtspielen.

Es ist ein kollektives Phänomen, dass die «Kinder der Neuen Zeit» die Hierarchie leugnen: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Die Parolen der Französischen Revolution werden heute umgesetzt, sie wirken bereits im Blut der Menschen, sie drängen nach Verwirklichung. Ihre Vertreter haben die Vorstellung, dass wir Menschen alle nebeneinander gestellt werden können, dass wir alle die gleichen Möglichkeiten haben und allen alles gleichermassen erlaubt ist. Sie fordern für alle die gleichen Rechte und wenn sie ein wenig einsichtig sind, auch die gleichen Pflichten. Solche Konzepte beruhen auf einer Vorstellung, die mit der Realität kaum etwas zu tun haben. Diese Vorstellung selbst ist schon das Produkt davon, dass verschiedene Ebenen miteinander vermischt worden sind.

Dahinter bleibt die unerkannte, aber von jedem erahnte Wirklichkeit: Dem Wesen nach sind alle Menschen gleich. Es sind unsere Funktionen im Leben, die unterschiedlich sind. Solange wir nicht fähig sind differenzierter, das heisst auch vertikal wahrzunehmen, können wir nicht aus diesen Verwirrung stiftenden, indifferenten Vorstellungen herausfinden.

Unsere Kinder brauchen dringend eine vertikale Orientierung. Sonst werden sie seelisch und geistig verwahrlost, und sie werden in der hierarchischen Ordnung dieser Welt ihren Platz nicht erkennen können. Dadurch leiden nicht nur die menschlichen Beziehungen, sondern es kann sich auch kein Verständnis für das Leben entwickeln.

Was bedeutet «Gleichheit im Wesen, Hierarchie in der Funktion»? Am Beispiel Mutter – Kind kann man das vielleicht am anschaulichsten erkennen.

In der Ewigkeit sind wir als menschliche Wesen alle gleich. Unabhängig von unseren Rollen in der Welt, die unterschiedlich sind. Das Erkennen dieser doppelten Natur des Menschen, kann in diesem Zusammenhang erst zum Verständnis führen. Wir sind in die Zeit hineingeboren und dadurch allein entsteht schon Hierarchie: Die Mutter ist für das Neugeborene zuoberst auf der hierarchischen Leiter. Die Mutter wird in der Zeit ihrem Kind immer voraus bleiben. Dadurch wird das Kind seine Mutter kaum verstehen können. Es kann nicht nachvollziehen, was die Mutter durchlebt. «Du wirst es erst verstehen, wenn du in der gleichen Situation, im gleichen Alter bist.» Und diese Wahrheit bringt die Jungen verständlicherweise auf die Palme. Das sollte nicht ausgesprochen, sondern von der jeweils älteren Generation gelebt werden.

Die «höheren» Stufen der Hierarchie bringen nicht nur Privilegien, sondern in erster Linie Verpflichtungen mit sich. Diese Verpflichtungen müssen erkannt werden, was wiederum ohne entsprechendes Wissen nicht möglich ist. Woher nehmen wir dieses Wissen? Wir können noch so viele Erfahrungen machen, sie werden uns und späteren Generationen nicht viel nützen, wenn sie nicht im Lichte von Wissen erkannt werden.


Das Bild der Mutter steht zwischen dir und dem Leben.

Wenn du deine Mutter in dir erlöst hast,
wird sich das Leben in seiner Fülle offenbaren.


Das Erbe



Es ist Nacht. Kerzenlicht, Duft von Sandelholz. Der tote Körper von der Frau, die meine Mutter war, liegt aufgebahrt auf ihrem Bett, von Rosen umgeben. In den letzten Monaten sah sie mehr wie eine Tote aus wenn sie schlief, als jetzt. Ihre Substanz wurde vollkommen aufgebraucht, sie war Haut und Knochen, und ihr Atem verriet, dass der Tod sich in ihrem Magen eingenistet hatte. Ihre Seele konnte schlussendlich sanft, ohne Kampf und Schmerz den Körper verlassen. So, wie sie es sich gewünscht hatte und wofür sie seit langen, sehr langen Jahren der Einsamkeit und Todessehnsucht gebeten hatte. An den Körper, der ihr gedient hatte, und wo ihr Zuhause war, hatte sie nichts mehr gebunden. Sie, die keine Langeweile ertragen konnte und dauernd unterwegs war, wurde allmählich blind, und die verformten Hände wurden unbrauchbar, das Gehör sehr stark eingeschränkt. Noch zwei Tage vor ihrem Tod sagte sie mir: “Weisst du, was das Schlimmste ist? Es ist soo langweilig!” Eine Spur von schelmischem Lächeln umspielte ihre Augen. Sie spürte, ihre lang ersehnte Freiheit war nicht mehr fern.

Jetzt liegt der “so langweilig” gewordene Körper verlassen in Ruhe, nicht mehr vorangetrieben durch ihren lebendigen Geist, und ihre lebensdurstige Seele ist für die Abenteuer der Ewigkeit freigegeben.

Es ist nächtliche Stille. Das Ticken der Pendeluhr - die sie sich vor ein paar Monaten gewünscht hatte - betont sie noch.

In dieser Stille entsteht die Frage: Was habe ich von meiner Mutter geerbt? Was hat sie mir mitgegeben, was hat sie mir hinterlassen? Was kann ich ihr verdanken?

Was ich jetzt mit Gewissheit wahrnehme, ist ein freier, schwereloser, reiner Raum, der mit Leben gefüllt werden kann. Oder vielleicht besser ausgedrückt: Ein Raum voller Möglichkeiten, die ich zum Leben erwecken kann, die durch mich Gestalt annehmen können. Dieser Raum pulsiert, ist lebendig, und ich könnte nicht sagen, ob er hell oder dunkel ist. Es sind die Möglichkeiten einer noch nicht erschaffenen Welt, wo “das Licht von der Finsternis noch nicht geschieden ist”. Die Möglichkeiten ruhen in sich in diesem Raum, aber die Gewissheit ist in mir, sie werden zu einem schöpferischen Prozess führen, der eine Welt erschafft. Die Schlacken der Vergangenheit sind aus diesem Raum ausgebrannt, ausgelitten, aufgelöst.

Wie war der Weg dazu?

Und aus der Stille taucht der Traum auf, den ich mit Mitte vierzig gehabt habe, nachdem mein Vater schon gestorben war.

Ich sitze an einem Tisch, links neben mir mein Vater entspannt, eher unbekümmert. Von rechts kommt meine Mutter mit einer Axt in der Hand und will mir den Kopf spalten. Ich bin wie gelähmt, ich kann mich nicht wehren. Ich rufe in Not: “Vater, hilf mir!” Und er antwortet seelenruhig, ohne sich zu bewegen: “Ich helfe dir, aber du musst Mutter mitnehmen.”

Ich habe sie mitgenommen - und Vater hat geholfen. Es war ein schwerer Weg, manchmal gegen jegliche Vernunft und psychologische Regeln, es schien unsinnig, bis an die Grenzen meiner Möglichkeiten führend - aber es ist der einzige Weg der Verwirklichung und damit auch der Erlösung. Dies sind sehr grosse Worte, aber alles andere kann nicht wiedergeben, was entstanden ist.

Ich habe mein mütterliches Erbe angenommen, und dieses Erbe steht mir jetzt zur Verfügung. Man kann nur das “ganze Paket” annehmen oder es ablehnen, verweigern. Und beides hat seine Konsequenzen. Es ist wieder die Gnade der Dankbarkeit, die mich überflutet, da die ganze Fülle meines Lebens zur Einheit geworden ist. Ich war dazu bestimmt, dieses Erbe zu erhalten, von Geburt an, ich konnte seine Schwere nicht ablehnen - meine Freiheit bestand einzig darin, Ja dazu zu sagen.

Ich bin ein Glied in einer Kette, und ich durfte vier Generationen von Frauen während 23 Jahren miteinander erfahren: Meine Mutter, mich, meine Tochter und meine Enkelinnen, wir bewegten uns zusammen. Es war eine Zusammenarbeit dieser Generationen, jede an ihrem Ort. Es war oft keine verbale Kommunikation möglich, unser Weg führte und führt durch Spannungen, die Krisen auslösen - Erwartungen, Groll, Vorstellungen und Nachtragen vergifteten uns, aber jede arbeitete und arbeitet an ihrem Platz. Bis sich das Unerlöste durch das Erkennen wie Rauch auflöst.

Wir haben immer wieder Schlachten verloren - aber den Krieg gewonnen. Warum schreibt man immer wieder nur über das Versagen? Über Tragödien von Generationen, in denen das Muster weitergeht, sich wiederholt, sich nicht verändert, nicht erlöst wird? Gibt es nur das? Das Leben IST Drama - aber muss nicht notgedrungen zur Tragödie werden. Woher soll man die Vorbilder nehmen, ohne die es die Möglichkeit einer Auflösung nicht gibt? Wenn man ein Leben lang nur gegen etwas kämpft, ist man an das gebunden, wogegen man kämpft. Ohne Beispiele, ohne eine Möglichkeit zu sehen, dass es auch anders gehen kann, können wir nicht aus der Linearität der Generationen entrinnen. Die Erbmuster werden weitergegeben, und damit auch die Unfähigkeit, die Zukunft zu verändern.

Das Schlimmste, was man mir als junges Mädchen sagen konnte, war; ”Du gleichst deiner Mutter”. Ich wollte ihr nicht gleichen, ich habe mich dagegen mit Händen und Füssen gewehrt. Bis ich erkannt habe, dass es nicht um das Rohmaterial des Erbgutes geht, sondern darum, was ich daraus mache. Man kann aus den besten Rohmaterialien, die einem zum Kuchenbacken zur Verfügung stehen, einen wunderbaren Kuchen backen, oder es auch verderben, zur Kohle verbrennen lassen. Es kommt nicht auf das Rohmaterial an, sondern darauf, ob ich mit diesen Rohmaterialien richtig umgehen kann. Aus allem kann man etwas Brauchbares machen. Die erste Voraussetzung dazu ist zu erkennen, welche Art von Rohmaterial ich habe. Wenn ich die Zutaten zu einer kräftigen Suppe erhalten habe, dann kann ich daraus keine Schokoladentorte backen!

Somit ist der erste Schritt zur Veränderung, Wandlung - zum inneren WEG: Das Heranbilden der Fähigkeit das wahrzunehmen, was IST.

Es ist heute üblich, die Schuld für das, was wir in unserer Blindheit von dem Gegebenen erkennen, und nicht mögen, nicht verstehen, der Mutter - oder dem Vater - in die Schuhe zu schieben. Ja, sie haben in unserem Leben fast alles ausgelöst - aber nicht verursacht. Was sie ausgelöst haben, das brauchen wir als Rohstoff auf unserem Lebensweg, um das zu verwirklichen, wozu wir überhaupt auf diesem Planeten, in diesem menschlichen Körper inkarniert sind. “Die Wirkung ist die Ursache ihrer eigenen Ursache”. Erst wenn wir die Frage «Warum?» in die Frage «Wozu»? umwandeln, kann sich unsere Perspektive, und damit unser Leben, verändern. Wir können die Erfahrungen der Kindheit erst verstehen, wenn sie uns zu dem geführt haben, was wir SIND. Erst dort finden wir auf die Frage, «Wozu?» eine Antwort.

Und nochmals stellt sich die Frage: Was verdanke ich meinem mütterlichen Erbe?

DEN WEG, den ich gehen durfte. Und vor allem einen weiblichen Weg, der mich zu mir geführt hat. Ich musste in den Brunnen springen wegen der verlorenen Spindel, wie Goldmarie im Märchen. Sonst hätte ich die Konsequenzen nicht überlebt.

Es heisst in der Tiefenpsychologie, die Frau muss der GROSSEN MUTTER dienen, bevor sie frei wird. Wie das in so vielen Märchen erzählt wird: Ein schönes Beispiel ist «Frau Holle»: Damit Goldmarie von der bösen Stiefmutter loskommt, muss sie durch ein Missgeschick in den Brunnen hinein springen, und Frau Holle dienen. Das ist ihr Erlösungsweg. Wie sieht das im konkreten Leben aus?

Die irdische Mutter ist immer das Sinn-Bild für den weiblich-mütterlichen Aspekt Gottes. Sie ist es, durch die wir in diese “Welt der Erscheinungen” hineingefallen sind. Herausgefallen aus der Ewigkeit des SEINS in die Zeit und in die Trennung, wo einzig und allein ein Prozess, und dadurch eine Wandlung möglich ist. Sie ist nicht die Ursache, aber die Vollstreckerin, sie hat eine “böse” Aufgabe: Durch sie erfahren wir was es heisst, aus dem Paradies herauszufallen. Unsere Erinnerung, den Kontakt zur Einheit zu verlieren, ist an sie gebunden. Durch sie wird das Kleinkind mit WIDERSTAND, mit BEGRENZUNG und TRENNUNG konfrontiert. Diese Erinnerung ist die Wurzel jeglicher Schuld-Frage.

Es ist notwendig, die Mutter in uns zu erlösen. Was heisst das? Hinter jeglichem Groll, den wir ihr gegenüber in uns tragen, sitzt tief die Anschuldigung, dass sie uns aus dem Paradies in das Leiden dieser Welt herausgerissen hat. Durch den Weg zurück zur Einheit können wir erst erkennen, dass sie nicht die Ursache davon ist, sondern das Werkzeug dazu. Erst dann können wir ihre Liebe erkennen, die darin besteht, dass sie uns die Inkarnation, einen Weg durch diese Welt ermöglicht hat. Damit fällt die ganze Schuldfrage weg, es bleibt nichts mehr zum Entschuldigen zurück. Das ist die «Erlösung der Mutter» in uns, das ist der einzige Weg, der uns in die Einheit zurückführt. Sie war das Tor zu dieser Welt, und wir können auf dem Heimweg nur durch das gleiche Tor wieder zurück finden.

Die Grosse Mutter und die individuelle Seele



Nach der mündlichen Überlieferung ist die Heilige Anna die Mutter Maria‘s. Schriftliche Quellen gibt es keine dazu. Das macht auch Sinn: Das Mysterium der Grossen Mutter soll in seinem Geheimnis nicht in das kleine Licht des Verstandes gezerrt werden. Das Ur-Weibliche, die Schechina, der Teil des Göttlichen, der in die Schöpfung hinunter geschickt ist, um sie durch die Zeit hindurch zu tragen und wieder zum Schöpfer zurückzuführen, möchte direkt, unmittelbar, existentiell, durch den Menschen erkannt werden. Erst dann kann sie den Menschen zur Einheit führen, zur Einheit, von der sie selber ein Aspekt ist. Dann wird «der Weg, die Wahrheit und das Leben» als unzertrennliche, nie getrennte Einheit, als eine lebendige Wirklichkeit erkannt.

Der Name Anna ist von Hanna abgeleitet, als Abkürzung von Johanna. Das ist die weibliche Form von Johannes, dem «Weg-Vorbereiter». Wenn er der Zeuge, der Wahrnehmende ist, so muss etwas, was wahrgenommen wird, vorhanden sein. In diesem Zusammenhang ist das Erkannte, das Wahrgenommene, das Weibliche: Das, woraus wir bestehen, so, wie wir sind. Ohne Konzepte, ohne die Schleier von Wertungen, ohne «aber», so wie wir sind. Unabhängig davon, ob uns das, was wir sehen gefällt oder nicht. Dass Anna und Johannes die beiden Seiten des gleichen Strahles der Wirklichkeit sind, das zeigen ihre Namen. In unserer Wahrnehmung erscheinen sie unterschiedlich. Der Erkennende ist immer männlich in Bezug zum Erkannten. Und die Erkenntnis ist die Dritte Kraft, sie ist der «Heilige Geist», der verbindet. Die Drei sind jedoch Eins.

Wer ist diese Anna, wie können wir uns ihr mit den Mitteln unseres Verstehens annähern?

Über Maria wissen wir, dass mit ihr die «reine Seele» des Menschen gemeint ist. Sie ist die «Gottesgebärerin», sie ist die Tochter von Anna, der Grossen Mutter. Maria geht aus der sich entwickelnden Seele der Schöpfung hervor, aus der Essenz des Evolutionsprozesses.

«Die Seele ist eine wissende Substanz.» sagt Reshad Feild. In der Weltseele sind alle «Informationen» enthalten, die seit dem Urknall in dem sich entwickelnden Kosmos gespeichert sind. Die Entität, (Wesenheit) die in der christlichen Tradition Anna genannt wird, besteht aus der Essenz dieses Wissens. Sie ist die Grosse Mutter, die Erinnerung der Schöpfung, die aus sich heraus alles Erscheinende gebärt. Sie ist die Grosse Göttin, die in den unterschiedlichsten Kulturen und in den wechselnden Weltenmonaten in ihren verschiedenen Aspekten verehrt und genährt wird. Sie ist «Die Jungfrau», oder «Die Königin der Nacht», in ihrem verschlingenden Aspekt ist sie auch die «Göttin Kali», oder in dem bereits angefangenen Weltenmonat des Wassermannes ist sie /erscheint sie als«Die Strahlende Himmelskönigin». Das und noch mehr, sind die schillernden Facetten der Weltenseele.

Es heisst: «Die ganze Schöpfung geschieht für den Menschen». Die Evolution, seit dem Urknall, ist die Vorbereitung für den Menschen, für das Geschöpf, das fähig ist, direkt aus der Einheit zu empfangen und Existenz auf die Welt zu bringen. Das geschieht durch die Dritte Kraft, durch den verbindenden Aspekt der Schöpfung. So ist das Erbe des Menschen doppelten Ursprungs: Mütterlicherseits das Erbe der Weltenseele und väterlicherseits das direkte Erbe aus der Einheit. Wir könnten allein durch das Erkennen dieser beiden unterschiedlichen Zugehörigkeiten in uns, eine innere Klarheit und Orientierung gewinnen. Alle Religionen wissen um diesen doppelten Ursprung im Menschen. Im Erkennen der letztendlichen Dualität und in ihrer Verbindung durch den Erkennenden, liegt das Mysterium der Einheit.

Maria, als individuelle Seele, ist ein Teil der sich wandelnden Weltenseele, der sich für die direkte Rückverbindung mit Gott von ihrer Mutter abgekoppelt hat. (Pamina und die Königin der Nacht in der Zauberflöte) Das ist der innere Weg des Menschen: Seine Seele aus der Abhängigkeit von den ständig wechselnden Einflüssen des Lebens herauszulösen, von ihnen unabhängig werden. Unabhängig werden vom Leben und Sterben. Dazu ist der erste Schritt die Wahrnehmung, dass wir wie die Wellen des Ozeans sind: Durch unsere Begrenzungen unterschiedlich, aber nicht getrennt.

Es heisst, die Seele des Menschen ist gefangen und muss erlöst werden. Das immer wiederkehrende Motiv der Prinzessin in den Märchen, die von einem bösen Drachen gefangen gehalten wird. Es wird nirgends erklärt, warum und wie diese Gefangennahme geschehen ist. Was immer eindeutig ist: Die Prinzessin ist unschuldig in diese Situation geraten, und sie wartet sehnlichst auf den Erlöser, der sie aus der Gefangenschaft befreien kann. Die Welle, die zulässt, dass sie vom Wind emporgehoben wird und sich dadurch von Licht durchflutet, in ihrer Zugehörigkeit erkennen kann: Sich in ihrer Einmaligkeit und gleichzeitig in ihrer Zugehörigkeit erkennt als ein Wesen, geformt vom Himmel und vom Ozean. Sie ist geformt durch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Kräfte, die jenseits des Erkennbaren vom gleichen Ursprung sind. Die Welle ist die individuelle Manifestation des Spieles, das Gott mit sich selbst spielt.

Die Mutter unserer Seele ist die Grosse Weltenseele. Sie hat sich seit dem Urknall so weit entwickelt, dass sie den Menschen mit einer «natürlichen» Seele ausstatten kann. Sie hat uns geboren, damit wir sie durch unsere individuelle Entwicklung nähren. Sie trägt uns durch das diesseitige Leben – wie das Motiv «Die Heilige Anna zu Selbdritt» oft in den Mittelalterlichen Darstellungen zeigt: Sie trägt auf ihren Armen Maria und das Jesuskind. Sie ist die grosse Göttin, die ihre Kinder gebärt, ernährt und schützt, ihnen die Bedingungen zum Leben schafft, um sie dann wieder zu sich zu nehmen, sie «frisst ihre eigenen Kinder». Sie tut das, damit die Schöpfung sich weiterentwickeln kann, damit Sie, die Weltseele, am Ende der Zeiten fähig sein wird, die Erschaffene Welt mit dem Schöpfer zu vereinigen.

Für uns Individualisten ist das eine ungeheuerliche Vorstellung. Warum kommt dieses Motiv in allen Religionen vor? Warum wollen wir mit dem, was wir sind, nicht einem Höheren dienen? Oder was stellen wir uns unter «dienen» vor? Hat Gurdjieff nicht genau das angesprochen, als er kurz vor seinem Tod sagte: «Bald wird die hungrige Erde einen fetten Brocken erhalten»?

Der Seelen-Anteil, der an die Persönlichkeit gebunden ist, beinhaltet «Etwas» und das, was «Etwas» ist, gehört der Grossen Mutter. Das, was wir als «Erinnerung», als unseren letztendlichen Besitz betrachten, wird uns genommen. «Die Reichen kommen nicht in den Himmel.» So wird es christlich ausgedrückt. Wenn die Bibel vom inneren Geschehen handelt, dann müssen wir «Reichtum» ebenfalls als etwas Inneres verstehen.

Von Maria heisst es, dass sie «keinen Mann gekannt hat». Das kann man im Hebräischen auch so lesen, dass sie keine Erinnerung hat. Sie ist nicht mit einem Erinnerungsmuster beladen. Sie hat sich dadurch dem Machtbereich der Mutter entzogen. Eine Seele, die rein ist, rein von Inhalten, gehört allein der Einheit, sie empfängt ihre Existenz jeden Augenblick neu, in einer jungfräulichen Reinheit, direkt aus der im Augenblick geschehender Schöpfung.

Einen anderen Aspekt der Grossen Mutter können wir durch das Märchenmotiv der bösen Stiefmutter erkennen. Es ist nie der böse Stiefvater.

Ist die Mutter nicht eine «Stiefmutter», wenn sie sich von ihren Kindern ernährt? Die Seele, Maria, kann sich herauslösen, sich der Identifikation mit der eigenen Gebärerin entziehen. Indem sie sich reinigt und die Substanz von der Persönlichkeit extrahiert, verliert die Seele ihre «Etwasheit». Was zurückbleibt, ist reine EXISTENZ. Dadurch hat sich die Seele aus der erschaffenen Welt herausgezogen, sie kann von der Grossen Mutter nicht mehr «verschlungen» werden.

Wenn wir aus dem Sein (Paradies, Existenz, Einheit) herausfallen, verlieren wir das Verständnis für die Zusammenhänge, die verschiedene Facetten der Einheit sind. Die Sehnsucht nach der Erfüllung des menschlichen Auftrages aber bleibt. Wir versuchen die Sehnsucht nach Einheit zu stillen, indem wir verschiedene Teile zusammen suchen. Wie Karl bei der Schneekönigin die Buchstaben zusammensetzen soll, sie ergeben aber keinen Sinn. So wird die Sehnsucht selbst zur Sucht. Sucht, die niemals das Ersehnte erreicht, weil sie am falschen Ort sucht. Sie sucht die Erfüllung im Äusseren, in den Teilen, in der Welt. Unsere Anstrengung hilft uns nicht weiter. Die Welt kann nur die Bedingungen schaffen, dass wir umkehren, und nach dem Fehlenden im Inneren suchen. Dann springen die Buchstaben von selbst zum Wort «Ewigkeit» zusammen. (Andersen: Die Schneekönigin)

Der ursprüngliche Auftrag, unsere Seele aus der Gefangenschaft – aus dem Besitz – der Grossen Mutter zu befreien, entartet zur Sucht, uns der eigenen, körperlichen Mutter zu entziehen. Wir streben mit der ganzen Macht der Persönlichkeit danach. Wir strengen uns im Machbaren an, uns ihrem Einfluss zu entziehen. Je mehr wir danach streben, umso tiefer werden wir im Netz der Grossen Mutter zappeln, wie eine Fliege im Spinnennetz. Wir werden sogar sanft in Schlummer versetzt, damit wir nicht wahrnehmen, wie unsere Substanz bereits bei lebendigem Leibe ausblutet.

Oder nehmen wir eine andere Sucht: Wir wollen erkannt und angenommen werden. Wir lechzen danach. Es besteht eine tiefe Sehnsucht und die Notwendigkeit, dass wir durch andere erkannt werden. Sonst könnten wir nicht «auf die Idee kommen», dass unser Leiden darin besteht, dass wir uns selbst nicht erkennen. Wenn wir uns nicht in Richtung Einheit bewegen, dann nützt uns das Erkannt-worden-sein auch nicht viel. Wir werden weiterhin überall süchtig danach suchen. Wir bleiben damit auf der Ebene der Persönlichkeit, im Machtbereich der Weltseele. Wir bleiben in der Trennung, und suchen nicht nach der Einheit in uns, wir werden von uns selbst nicht in der Einheit erkannt. Das «Niedrige» in uns kann nur erlöst werden, wenn das «Höhere» es erkennt. Die «natürliche Seele» kann sich erst befreien und mit dem «Höheren» in uns eins werden, wenn sie erkannt wird. Das Werden und das Sein sind dann nicht mehr getrennte Dimensionen.

Das Weibliche wird nur so lange als das «Böse» gesehen, bis sich unsere Augen des SEINs öffnen. Aus dem Sein betrachtet, ist das Werden die «grosse Geliebte». Sie wird als ein Teil der Einheit erkannt, geliebt und bejaht.

Die Weltseele ist der empfangende und verwirklichende Aspekt der Heiligen Dreifaltigkeit. Der aktive Pol ist der Schöpfer, der durch die kosmischen Informationen – nach Platon durch die Ideen – die Weltseele befruchtet. Die Ideen bilden die Dritte Kraft, sie bilden die Verbindung. Die Weltseele kann nichts anderes in die Manifestation bringen, als das, was sie IST. Sie entwickelt sich mit der Zeit, und dazu braucht sie Nahrung in Form von Substanz, die durch individuelle Erfahrungen entsteht. So kann sie immer komplexere Erscheinungsformen hervorbringen. SIE IST IM WERDEN. Das, was noch nicht fertig ist, bleibt bis zur Vollendung unvollkommen. Diese Unvollkommenheit ist ein Teil, ein Aspekt der Vollkommenheit des Seienden. Für den Verstand ist das ein Paradox, aber existentiell erlebt, ist es die Fülle, die das Sein und Werden als Einheit ausmacht.

Alles, was erscheint, was die Weltseele in die Welt des Sichtbaren gebärt, trägt die gleichen Strukturen wie sie. C. G. Jung spricht von den Archetypen, und in allen spirituellen Traditionen ist ein entsprechendes Wissen vorhanden. Wir haben das oft gehört, erkennen wir die praktischen Konsequenzen davon? Wir können nur durch diese manifestierten Muster zum Ursprung gelangen, der in unserer Essenz rein vorhanden ist.. Wenn wir das Manifestierte, das im Werden begriffene, wegen seiner Unvollkommenheit ablehnen, wodurch sollen wir dann erreicht und geführt werden?!

Erst wenn es uns gelingt, das Wesen von dem zu erkennen, was uns im Alltag, in unserem Leben begegnet, kann Transformation geschehen und sich eine individuelle Seele bilden. Wir sind durch die göttliche Absicht in die Formen hineingeboren, damit wir durch sie erkennen können. Solange wir unsere Anwesenheit in dieser Welt als ein kosmisches Unglück anschauen, kämpfen wir unser Leben lang einen sinnlosen Kampf gegen Windmühlen.

Solange wir unsere Seele nicht aus dem Mutterschoss der Weltenseele herauslösen, werden wir durch die Kräfte der Natur beherrscht. Die Begriffe „niedrige Seele“ oder „beherrschende Seele“ (Sufi) bezieht sich auf diesen noch nicht frei gewordenen Seelenanteil in uns. Wenn in der christlichen Terminologie von der Erlösung die Rede ist, wird von dieser Befreiung aus dem Machtbereich der Grossen Mutter gesprochen.

Meditationsbild:
Die Heilige Anna Selbdritt von Leonardo da Vinci






Auf dem Bild von Leonardo da Vinci ist dieser Prozess der Loslösung dargestellt. Grossartig am Bild ist, dass der geniale, wissende Künstler, diesen Vorgang mit den Augen der bejahenden, Ersten Kraft sieht: Nichts wird verteufelt. Der Ursprung unserer diesseitigen Existenz wird durch die Augen der Liebe wahrgenommen; in seiner Funktion, in seiner Schönheit, im Erkennen. Er zeigt die Grosse Mutter, die Weltseele, die Schechina, aus deren Schoss wir stammen. Gleichzeitig bringt er die Freiheit des Augenblicks zum Ausdruck, die es erlaubt, mit dem SEIENDEN in uns – mit dem, der IST, mit dem Göttlichen Kind, mit Existenz, oder wie wir es auch nennen – in Kontakt, im Austausch zu sein.

Damit schliesst sich der Kreis: Das Lamm, das unschuldige, weisse Lamm ist wiederum Ausdruck des «Niedrigen», zur Natur gehörenden in uns.

Auf dem Bild sind nur zwei Füsse ausgearbeitet. Der rechte Fuss der Maria, die mit einem Schwung «wegstrebt», und der linke Fuss der heiligen Anna, der stabil auf dem Boden steht.

Je länger wir das Bild betrachten, umso mehr Aussagen entdecken wir in den Einzelheiten. Zum Beispiel ist bei der Grossen Mutter nur das Handgelenk der linken Hand sichtbar. Ihre «Handlungen» bleiben im Verborgenen.

Das Bild hat die Kraft, eine innere Bereitschaft in uns zu aktivieren. Wir werden dadurch fähig, die Zusammenhänge anders wahrzunehmen. Es vergiftet unsere Seele mehr und mehr, wenn wir unsere lebhaften Vorwürfe einfach mit «positiven Gedanken» zu decken Es ist notwendig zu entdecken, dass eine andere Sicht möglich und heilsam ist. Warum müssen wir regelmässig all das verteufeln, wovon wir uns ablösen? Auch im Leben. Geht es nicht anders? Die gemeinsame Zeit ist vorbei, schliessen wir sie in Dankbarkeit ab. Wir könnten dadurch einander und uns selbst, Beschwingtheit, Freiheit, und Glauben an das Leben schenken.


«Das Ewig-Weibliche
zieht uns hinan.»

Goethe, Faust


Sie zieht uns Richtung Einheit. Durch die Erscheinungsformen bietet sie uns dauernd Fäden an, denen wir folgen können. In der Regel folgen wir ihnen in die falsche Richtung, dorthin, wo das Ende des Fadens, in der Auseinandersetzung mit der Welt, im Nichts endet. Nach innen gewendet – Metanoia – führt sie uns zur Einheit. Kehret um! Kehret um! Jede Form der Erfahrung kann uns zu ihrem Ursprung zurückführen, dorthin ziehen,, wo sie entstanden ist. Wir landen dann unweigerlich in der Einheit. Wir können gar nicht verloren gehen.

In seinen Manifestationen ist das Ewig-Weibliche in jedem Moment ein Zeichen. Warum erkennen wir diese Zeichen nicht als solche? Wir sind so stark «nach aussen gespült», dass wir fasziniert an Zeichen kleben bleiben, uns mit ihnen identifizieren. Anstatt den Faden, der uns gegeben ist, zu erkennen. Was ist dahinter? Was ist hinter dem Schmerz, hinter Frust, Nebel, Gier, Groll, Erwartungen und all dem, worin wir wie Schlafwandler, beduselt gefangen sind? Es braucht Anstrengung umzukehren, und nicht unsere wertvolle Substanz in den Symptomen des Lebens zu verausgaben. Im ständigen Kampf um unsere vermeintliche Identität verbluten wir. Wir rotieren in uns, um das ständige Bemühen, unsere Konzepte über uns selbst zu verteidigen. Und die Schechina wandert von Tür zu Tür, klopft an, und zieht weiter, weil sie nicht erkannt wird. (Siehe Isenheimer Altar)

Das «Ewig Weibliche», das Jungfräuliche, das in jedem Augenblick Neue, gebärt Formen ohne Zahl, ohne sich zu wiederholen. Durch sie ist die menschliche Seele in den Körper inkarniert, das ist das mütterliche Erbe im Menschen. Sie klopft ständig an, lässt uns keine Ruhe, wir können uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Warum verneinen wir Sie in Ihren Manifestationen, warum lehnen wir Sie ab? Wie wollen wir Ihre ständige Hilfe erkennen, wenn wir uns auf Ihre personifizierte Erscheinung nicht einlassen? Jede Mutter ist Ihre Verkörperung, der Repräsentant, uns persönlich gegeben, damit wir erkennen. Durch sie führt der Weg zum Weiblichen. Oder verleugnen wir den weiblichen Pol der Einheit? Warum?

Hineinforschen und nicht darüber nachdenken



Nur durch Bindung ist es möglich, einen Weg zu gehen. Wenn die Erde uns durch die Gravitation nicht binden würde, könnten wir keinen Weg gehen. Die Liebe des «Ewig-Weiblichen» äussert sich darin, dass es uns in die Bindung des erdhaften Körpers, in die schmerzhafte Beschränkung der Unvollkommenheit hineinstellt. Seine Liebe manifestiert sich darin, dass es uns im Lebensprozess festhält. Damit unsere Seele, wie Sie, durch die Zeit die Möglichkeit erhält, sich zu bilden. Wir haben Mühe, diese Art von Liebe zu erkennen. Das Weibliche wird deshalb immer, in allen Bereichen, als «böse» missverstanden. Eben, nicht erkannt. Weder in der konkreten Mutterrolle, noch in uns, weder in der Gesellschaft, noch als Mutter-Natur. Wie soll dann das Grosse, das dahinter steht, die Schechina, erkannt werden?


Durchschaue deine Vorstellungen.
Hinter deinen Vorstellungen ist deine Wahrheit.
Hinter deiner Wahrheit ist eine Wahrheit.
Jenseits aller Wahrheiten ist DIE WAHRHEIT.





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