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Hidveghy, Agnes
The Altar of Isenheim - Man in the Cosmic Order
Geben
An Expression of Legominism in the Christian Language
Astrology - The Sacred Knowledge
Menora and a Question by Dimitri Peretzi
The Soul
Advent
No Illusions – No Enlightment
The New Earth – a Cosmic View
Neue Erde aus kosmischer Sicht
Die Erlösung der Mutter
Die Geburtsgeschichte aus dem Evangelium nach Lukas

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Hidveghy, Agnes
Agnes Hidveghy


Agnes Hidveghy, born 1935, escaped from her native country Hungary in 1956 and settled in Switzerland in 1957. She has studied Gurdjieff's ideas and Sufism over 45 years and has lately written about her discoveries in Christianity and her studies of the Isenheim Altar. She has recently established an art studio called 'ars sacra' in Stettfurt, Switzerland.

Web:

arssacra.org
 

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Geben


«Die Schöpfung geschieht in jedem Augenblick neu.»
Der Mensch nimmt daran Teil.
Der erwachte Mensch trägt dadurch, dass er IST,
zum Werden der Schöpfung bei.


Hl Antonius und Paulus - der Isenheimer Altar

Grünewald, Isenheimer Altar. Detail


Es heisst, der Mensch hat einen freien Willen.

Ist es möglich, einen «freien Willen» ohne Freiheit zu haben? Die Freiheit des Menschen ist eine Illusion. Wo es aber keine Freiheit gibt, kann auch kein freier Wille sein. Anders ausgedrückt: unser Wille kann nur in dem Masse frei sein, wie wir selber frei sind.

Der unterste Grad der Freiheit des Menschen ist das Nein-Sagen; das heisst, sein Bestreben, sich von etwas zu befreien. Diese Freiheit ist es, die beim Kind mit etwa 2 Jahren mit dem ersten «Nein» ausgedrückt wird, als erste Manifestation menschlicher Freiheit. Das bedeutet, dass das Kind mit dem, was ihm geschieht, nicht einverstanden ist, es will nicht das, was von aussen her von ihm verlangt wird. Es entdeckt die Möglichkeit, sich nicht von aussen bestimmen zu lassen. Es erwacht zu seiner Möglichkeit als Mensch, Nein zu sagen: «Ich will das nicht».

In diesem Moment ist das kleine «ich», als Abtrennung von der wahrgenommenen Aussenwelt, geboren. Mit dem «Nein» ist die Vorstellung entstanden, eine eigene Identität zu besitzen, unabhängig von der übrigen Welt - von der ganzen Schöpfung. Diese Vorstellung vom ich, und der Widerstand in der Verneinung gehören zusammen. Von diesem Zeitpunkt an verwechseln wir die Kontinuität der Erinnerung mit der Existenz eines beständigen Ichs. Von da an haben wir eine Identität aus dem Eigenwillen heraus, die sich am «Anders-sein-als-die-anderen» orientiert. Viele bleiben ein Leben lang in dieser ersten Phase menschlicher Freiheit stecken.

Dieses Nein-Sagende ich ist der Kern von unserem Ego. Es ist wesentlich zu erkennen, dass das Nein, das Wesen unseres Egos ist. Dieses „Nein, nicht mit mir“ wird aus dem Eigenwillen genährt, und dadurch wird unser Egoismus aufgebaut. Es ist nötig, einen starken Eigenwillen aufzubauen. Wir brauchen ein starkes Ego, nicht nur um hier, in dieser Welt, zu überleben und um zu funktionieren, sondern auch im Hinblick für die Entwicklung unseres Wesens. Das Ego ist an und für sich nicht schlecht, sondern sogar notwendig. Aber solange wir es nicht in seiner Natur durchschauen können, beherrscht es unser Wesen. Ein wichtiger und schwieriger Bestandteil in der Erziehung besteht darin, das Kind dazu zu bringen, dass es selber Wille entwickelt und nicht durch die Willenskraft der Eltern funktioniert. Dabei kommt es darauf an, dem Kind ein Ego mit guten Mustern aufbauen zu helfen. Das ist mit Erziehung gemeint.

Die zweite Stufe der Freiheit und damit des freien Willens führt dazu, uns von der inneren Diktatur von Lust und Unlust zu befreien. Mit dem eigenen Willen können wir uns soweit bringen: «Ich mag das nicht, aber ich werde es trotzdem tun». Wieder ein Nein, im Gegensatz zu etwas anderem. Jetzt ist es jedoch ein Verzicht auf etwas, worauf wir gefühlsmässig, natürlicherweise, ein «Anrecht» haben.

Mit dem Erkennen dieser Möglichkeit als Mensch wachsen wir über die Funktion hinaus, die uns natürlicherweise, als Krönung der Evolution, zugedacht ist. Damit beginnt unsere wirkliche Freiheit als Mensch. Wir sind die höchst entwickelten Schöpfungen innerhalb der Evolution, der Evolution, die beim Urknall angefangen hat. Und wenn wir diese Möglichkeit der Freiheit nicht erkennen, bleiben wir ein Tier plus Verstand.

Erst, wenn wir diesen Grad der Freiheit erlangt haben, kann sich unser göttliches Erbe am Natürlichen ankoppeln. Dieses göttliche Erbe ist der Ja-Sager in uns. Aus dem bedingungslosen Ja zum Leben haben wir auch die Enge der Inkarnation gewollt und bejaht, mit allem, was auf uns zukommt oder auf uns zugekommen ist. Von dort aus haben wir auch die Möglichkeit des Nein-Sagens bejaht. Nicht nur akzeptiert, sondern als zur Ganzheit gehörendes, in Liebe erkannt.

Es gibt Augenblicke der Gnade, in denen wir diese Kraft der Bejahung erfahren können. Von diesem Augenblick an ist es möglich, nicht mehr gegen etwas – ausserhalb oder innerhalb von uns – zu kämpfen, sondern uns aus der Bejahung für etwas einzusetzen. Damit verschwindet die Verneinung nicht, aber sie steht immer in Bezug zu einem grösseren, ganzheitlichen Ja.

In der Regel prallen die beide Pole aufeinander. Im Spannungsfeld zwischen Ja und Nein, im Energiefeld, das durch die Reibung zwischen diesen beiden Polen entsteht, wächst in uns das, was wir Seele nennen. Dies geschieht nur, wenn wir das Ja und das Nein nicht horizontal nebeneinander stellen, sondern vertikal: Das Ja über dem Nein erkennen, und uns daran orientieren.

Das Ja, das alles bejaht, und nichts ausschliesst, nennen wir Liebe. Erst wenn die Seele dieses Ja entdeckt, kann sie auch das Nein – das die Natur eines Teiles von uns ist und bleibt – integrieren. In der Bedingungslosigkeit dieses Jas wird alles mit allem verbunden: Das Unvollkommene mit dem Vollkommenen, das Dunkle mit dem Hellen, das Böse mit dem Guten, das Ewige mit dem Vergänglichen. Verbindung ist das Wesen der Liebe: Liebe ist die vereinende Kraft.

Solange wir den Nein-Sager in uns bekämpfen, sagen wir Nein zum Nein. Aus dieser Haltung entsteht kein Ja, wie in der Mathematik, wo Minus plus Minus ein Plus ergibt. Das ist ein wesentlicher Punkt.

Die bejahende Kraft wird auch als das Männliche und die verneinende Kraft als das Weibliche bezeichnet. Beide sind heilige Pole der Einheit. Können wir die beiden Pole in uns erkennen, lokalisieren? Ohne sie zu werten? Alles was in uns Nein sagt, Widerstände, Blockaden, Zweifel, Vergessen: Sie sind alle unterschiedliche Formen der Verneinung. Es sind Aspekte unserer natürlichen, zur Natur gehörenden, Seite. Diese Seite der Seele wird auch die «niedrige Seele» oder die «befehlende Seele» genannt. All ihr Bestreben ist es, einen Schleier über unser Bewusstsein auszubreiten, damit wir nicht leiden. Damit die Spannung im erträglichen Rahmen bleibt, und wir im Dienste der sogenannten Evolution schön weiterschlafen.

Widerstand oder Verneinung hat nicht nur die klare Form von Blockaden, wie «Nein, ich will das nicht». Es kann sich durch Unvermögen oder Begrenzung, durch «das kann ich nicht» oder sogar als «das darf ich nicht» äussern. Das Neinsagen kann sich in schillernden Verkleidungen immer wieder verstecken; «ja, ja, grundsätzlich schon ja, aber jetzt nicht», «in diesem Fall nicht», oder «diesem Menschen gegenüber nicht». Darauf folgt dann ein «weil...» mit sehr verständlichen Rechtfertigungen.

Das, was die beiden Pole in uns aussöhnen kann, also nicht die eine oder andere Seite erdrückt, vernichtet, sondern verbindet, vereint, ist das, was den Menschen zum Menschen macht. Das bedingungslose Geben. Schenken ist nur aus der Freiheit des Menschen heraus möglich. Aber wer kann das? Wir müssen zuerst zu diesem Grad der Freiheit erwachen. Das bedeutet einen Sprung, vom Solar-Plexus zum Herzen. Das bedeutet, einen Sprung über die psychologischen Denkstrukturen hinaus zu wagen, über diejenigen Konzepte hinaus, die uns bis anhin geholfen haben.

Bis dahin treiben wir Handel: Ich gebe dir das, und dafür erwarte ich, dass du mir das und das gibst. Das, was wir erwarten, kann einfach das Gefühl sein, dass «ich gut bin», «opferbereit bin», dass «ich grossartig bin, indem ich dir gebe». Diese Erwartung verlangt immer nach Bestätigung, nach Anerkennung. Oder dann erwarten wir einfach Geborgenheit, Sicherheit oder Zuneigung für das, was wir gegeben haben. Auf jeden Fall soll unser Geschenk gesehen, wahrgenommen werden, damit wir uns in der Rückstrahlung der anderen sonnen können. Der Rückfluss kommt aber oft nicht, auf jeden Fall nicht so, wie wir es uns wünschen.

Allzu oft sind diese Erwartungen verdeckt. Wir bemerken sie erst, wenn von der anderen Seite nicht das zurückkommt, was wir unbewusst erwartet haben. Vorher können wir sagen: «Ja, ja ich gebe grosszügig». Aber in einer Ecke, am Rande unseres Bewusstseins schlummert eine Erwartung, wir haben sie bloss nicht wahrgenommen. Erst die Enttäuschung, die Verbitterung macht sie sichtbar.

Auch mit Gott treiben wir Handel: Wenn ich mich richtig verhalte, wenn ich Opfer bringe, dann werde ich belohnt, in dieser Welt oder im Himmel, nach dem Tod. Und wenn sich unsere Erwartungen nicht erfüllen, rufen wir aus: «Wie kann Gott das zulassen?» Doch IHM gegenüber können wir nur in der bedingungslosen Hin-gabe leben.


„Gebt, so wird euch gegeben.“ Luk. 6,38


Das ist genau das Gegenteil von dem, was die Psychologie sagt: «Du musst zuerst etwas haben, du musst zuerst etwas erhalten, du musst zuerst etwas aufbauen, damit du geben kannst.» Das psychologische Denken bleibt in der Linearität der Zeit gefangen: Zuerst das Erhalten, dann das Geben. Es kennt die Lebendigkeit des Augenblickes nicht, in dem das Empfangen und das Geben eins sind.

Wir sind durch die Bejahung, durch das, was uns von oben gegeben ist, mit den Möglichkeiten verbunden. Die Psychologie baut aber von unten her auf. Und von dorther gesehen ist es gültig, dass man nur das geben kann, was einem bereits in der Vergangenheit gegeben worden ist. Die Psychologie kennt nicht die Fähigkeit des Menschen, die ihn zu einem Kanal werden lässt, wodurch er auch das geben kann, was er in der Vergangenheit nicht erhalten hat. Wenn der Mensch aus dem Moment heraus empfangen kann, dann ist es möglich, in der Gegenwart, vorher noch nie Erhaltenes, zu geben. «Die Schöpfung geschieht in jedem Augenblick neu». Und der Mensch ist an der, im Augenblick entstehenden Schöpfung beteiligt.



Diese Art von Geben hängt nicht mehr von den natürlichen Begrenzungen ab. Z. B. erfahren es Eltern ihren Kindern gegenüber so: Sie sind erschöpft, sie haben keinen Funken Energie mehr. Aber wenn das Kind etwas braucht, können sie trotzdem eine Energiequelle anzapfen, von der sie vorher nicht gewusst haben.



Ich habe das jahrzehntelang nicht verstanden: Ich war vollkommen erschöpft, in jeder Hinsicht, körperlich, seelisch, aber wenn jemand zu einem Gespräch kam, begann es nach kürzester Zeit zu fliessen. Die anderen konnten nicht verstehen, wovon ich redete, wenn ich von meiner andauernden Erschöpfung erzählte. Wie kann man so viel geben, wenn man vollkommen erschöpft ist? Ich habe es auch nicht verstanden. Der Schlüssel ist: Sich nicht schützen und sich nicht begrenzen lassen. Der Schlüssel ist: bedingungsloses Geben.

«Gebt, so wird euch gegeben».

Dazu müssen wir uns öffnen, Ja sagen zur Situation, zu den anderen Menschen, die etwas brauchen, von mir, jetzt.

Wir sagen sehr schnell: «Ich kann es nicht». Und wir geben halbherzig.

Natürlich brauchen wir auch von anderen etwas, das ist klar. Wir sind alle bedürftig. Das ist sogar das erste, was wir realisieren müssen: Wir sind alle bedürftig, ich inbegriffen. Wir können nicht einfach darüber hinwegsehen mit «Ich bin grosszügig, ich bin stark, ich bin für dich da».

Ich finde es sogar anmassend, für jemanden zu beten. Heute kann ich nur sagen: «Bitte hilf uns». Mit welchem Recht bitte ich für eine Person, so als ob ich nicht gleichzeitig auch Hilfe brauchen würde? Das gilt besonders innerhalb einer Beziehung oder dort, wo wir aufeinander bezogen sind, und das sind wir, wenn wir für jemanden um Hilfe bitten. Ich bin ein Teil vom Ganzen, d. h. ich brauche ebenfalls Hilfe.

Wenn wir zum Kanal werden, dann wird uns geholfen. Das bedeutet aber nicht, dass ich es nicht zum Ausdruck bringe: Im Moment fühle ich mich so und so, und ich brauche Unterstützung und Hilfe. Ich habe Sehnsucht und Hunger danach, dass du mir das und das gibst. Aber wir dürfen niemals erwarten, dass jemand nur deshalb auf der Welt ist, um meine Bedürfnisse befriedigen zu können. Niemals!

«Niemand ist geboren, um für deine Bedürfnisse da zu sein.»

Das habe ich vor 25 bis 30 Jahren bei Osho gelesen.

Wir können von keinem Menschen erwarten, dass er unsere Bedürfnisse befriedigt. Ich spreche nicht einmal von Wünschen und Erwartungen, die aus Vorstellungen entstanden sind, sondern von echten Bedürfnissen, von körperlichen, seelischen und geistigen Bedürfnissen.

Ich kann es zum Ausdruck bringen. Ich kann den anderen darauf aufmerksam machen, dass ich etwas brauche, ich kann ihn um etwas bitten. Aber ich habe kein Recht, etwas zu erwarten.

Unser innerster Kern, unser ganzes Wesen, das was wir sind, ist aus Liebe entstanden, aus Liebe erschaffen worden. Wie könnte etwas, was aus Liebe erschaffen ist, in seinem Wesen nicht die Liebe enthalten? Und diese Liebe, die wir in unserem Innersten sind, ist verkleidet, in Windeln gewickelt, wie es im Lukas-Evangelium steht. (Siehe: Agnes Hidveghy: «Weihnachten») Es ist die Liebe, welche in Windeln gewickelt ist, in uns. Also ist es unsere Sehnsucht, die Liebe zu leben, die Liebe, die in den Formen dieser Welt verborgen ist.

Einer der Kernsätze von Marshall Rosenberg («Gewaltlose Kommunikation») ist: «Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, für andere da zu sein.» Wir möchten gebraucht werden. Ist es nicht paradox, dass wir gerade dann, wenn wir wirklich gebraucht werden, uns verweigern, weil ein Widerstand in uns hochkommt? Oder ein Ja-aber? Wie können wir dieses «Ja-aber» zum Schmelzen bringen? Das ist die grosse Frage.

Es ist ein Bedürfnis jedes Menschen, zu geben, für andere da zu sein. Das, was uns gegeben ist, weiterzugeben, ist ein Grundgesetz der Schöpfung. Auf allen Ebenen wird das Erhaltene weitergereicht. Jedes Atom trägt Erinnerungsmuster in sich und wirkt damit dort, wo es eingebaut wird. Jede Pflanze gibt das Leben nach ihrer Art weiter, und jedes Tier schenkt seinen Nachkommen seine eigene Natur. Durch dieses Gesetz wird jede Erfahrung, auf allen Ebenen, zu einem Bestandteil der Entwicklung der ganzen Schöpfung.

Gleichzeitig ist uns der natürliche Trieb zur Befriedigung unserer eigenen Bedürfnisse als Selbsterhaltungstrieb genau so tief eingepflanzt. Es gibt zwei widersprüchliche Naturen in uns. Die Frage ist, zu welchem Erbe wir jeweils stehen. Wo hat die eine Seite eine Berechtigung und wo die andere? Die Möglichkeit unserer Freiheit besteht darin, zwischen den beiden, einander oft widersprechenden Bedürfnissen zu wählen. Um davon Gebrauch machen zu können, müssen wir beide klar wahrnehmen, und durch unsere Unterscheidungsfähigkeit unparteiisch eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung aus ganzem Herzen.


In jedem Menschen ist das Grundbedürfnis verankert, für andere da zu sein. Sei dankbar, wenn jemand dich braucht.


Oft erkennen wir nicht, dass jemand uns braucht. Wir erkennen nicht, dass es ein Hilfeschrei ist, wenn jemand ausfällig wird, irritiert ist, uns Vorwürfe macht, davonläuft, trotzig reagiert, hysterisch wird, oder sich verweigert. Wir sind so sehr mit unseren unerfüllten Wünschen und Bedürfnissen beschäftigt, dass wir nur nach Befriedigung lechzen. Wir lecken unsere Wunden, und merken nicht, dass der andere am sterben ist. Wir schlagen wild um uns herum, weil wir aus Angst vor dem Verletztwerden blind geworden sind. Wir «grenzen uns ab» und schmoren im eigenen Saft. Wir lassen uns durch negative Gefühle unserer Energie berauben, und sind dadurch zu kraftlos, um für den anderen etwas zu tun. Durch den Selbsterhaltungstrieb sind wir ständig mit unserer Verteidigung beschäftigt. Wir sind regelrecht von ihm besetzt, damit wir ja keinen freien Raum für die Anstrengungen zur Verwirklichung haben. Das Natürliche hält uns mit allen seinen Tricks fest.

Dabei sind wir die Privilegierten, diejenigen, welche die Möglichkeit erhalten haben, gebraucht zu werden. Das Herz kann jubeln in Dankbarkeit, dass wir die Beschenkten sind, dass wir unserer innersten Natur entsprechend, als Ebenbild Gottes, aus der Freiheit heraus, zu geben fähig sind. Dann wird das Geben keine Pflicht, kein unausweichlicher Zwang, dann wird von uns nicht mehr etwas genommen. Dann erwacht in uns etwas, was dem Menschen seine Würde gibt: Hier auf Erden, die Ideen des Schöpfers verwirklichen zu können.

Das ist Dankbarkeit. Dankbarkeit, die uns überflutet.


Einsam ist nur derjenige, der dafür blind ist, dass jemand ihn braucht.


Einsam werden wir, wenn wir nicht wahrnehmen, dass wir gebraucht werden. Auch wenn jemand alleine lebt, kann er um das Leiden in der Welt wissen. Mit jedem Atemzug können wir einen Hilfeschrei beantworten.

Es muss nicht unbedingt ein hilfloses Kind, ein Partner, eine Partnerin sein, die uns brauchen. Die ganze Schöpfung braucht uns. Der Mensch ist am Schöpfungsprozess angeschlossen. Können wir uns bewusst in die jetzt geschehende Schöpfung einbringen? Wie ist unser Beitrag? «Werdet zu wohlschmeckender Nahrung!» hat uns Reshad Feild gesagt.

Nicht so allgemein: «Wunderbar, ich helfe der Schöpfung. Grossartig! Die Idee gefällt mir!» Es ist meistens eine konkrete Person, ein Tier oder eine Pflanze, die unsere Hilfe brauchen. Wenn ich den Schrei der Pflanze nicht höre, wenn ich nicht wahrnehme, dass sie Wasser braucht, dann höre ich auch den Hilfeschrei meines Nächsten nicht.

Hören wir den Schrei der Welt? Hunger, Folter, die kleinen Mädchen, die jeden Tag zu Tausenden beschnitten werden, verbluten und sterben; Leute, die in scheinbar geordneten Verhältnissen leben, aber hinter geschlossenen Türen misshandelt werden, auf sehr subtile oder offensichtlich grobe Art; alte Leute, die alleine gelassen werden... Es gibt so viele Hilfeschreie! Wir werden gebraucht, mit jedem Atemzug können wir uns geben!

Jeden Morgen, wenn ich erwache, zünde ich ein Teelichtlein an für jemanden in der Welt, der sehr, sehr allein ist. Für jemanden, der in seinem Elend allein gelassen ist, für den niemand in dieser Welt betet. Es ist nicht «viel», aber innerlich versuche ich dieses kleine Mädchen, das gerade beschnitten wird, und in seinen Schmerzen, seiner Verzweiflung und seinem Alleinsein keine Zuflucht hat, oder eine alte Frau, die stirbt, oder einen Mann, der gefoltert wird, oder wen auch immer, eine einzige Person, während der Dauer von einigen Atemzügen mit der Quelle der Liebe zu verbinden. Vielleicht wird jemand von einem Windhauch der Erleichterung erreicht. Kann man das Leiden eines einzigen Geschöpfes mit «viel» oder «wenig» bemessen?

Wir werden gebraucht. Und wir brauchen die Anderen. Durch unsere Bedürftigkeit sind wir miteinander verbunden. Wenn wir uns durch das Geben nicht öffnen, können wir auch nicht empfangen. Wir können das Bedürfnis des Nächsten, das Bedürfnis nach Geben, nicht befriedigen. Wie könnte der Andere die Wände einbrechen, in die wir uns einschliessen? Und dann beklagen wir uns, dass wir alleine sind...

Unsere Eltern brauchen uns. Ob sie noch am Leben sind oder nicht. Durch sie kann das Erbe unserer Ahnen erlöst werden, in der Gegenwart, durch unseren lebendigen Atem. Solange unsere Eltern leben, sehnen sie sich danach, erkannt zu werden. Wenn wir sie ablehnen oder bewundern, können wir sie nicht wirklich sehen und sie leiden darunter. Sie kämpfen dann verzweifelt darum, dass ihnen geholfen wird, indem wir sie erkennen. Es geht nicht darum, dass wir uns anders verhalten sollen, oder dass wir mehr tun sollten. Manchmal vielleicht. Das Wesentliche ist, die Verneinung, die Ablehnung, das Bild, das zwischen uns und ihnen steht, aufzulösen. Dass unsere Kinder uns brauchen, das sehen wir noch eher. Unseren Eltern gegenüber bleiben wir aber wie Kinder, die selbstverständlich ein Anrecht auf Forderungen und Ansprüche haben. Indem wir ihre Bedürftigkeit erkennen und bereit sind, ihnen das zu geben, was sie brauchen, werden wir erst erwachsen. Dadurch werden wir in die Kette der Generationen eingebunden, darin in Verbundenheit gehalten. Dann können wir sehen, was uns gegeben wurde und was unser Beitrag für die kommenden Generationen sein kann – ob wir Kinder haben oder nicht. Wie könnten wir uns dann noch einsam fühlen?

Wir können einander nicht immer das geben, was von uns erwartet wird. Und das, was wir geben, wird nicht immer erkannt. Aber deswegen sollten wir nicht aufhören, zu geben. Geben, was und wie es uns möglich ist. Die Absicht macht die Qualität des Gebens aus. Die Absicht hängt indessen mit unserer Wahrnehmungsfähigkeit und unserer Bereitschaft zusammen.

Das Grösste, was wir geben können, ist uns selbst. Können wir uns aus ganzem Herzen schenken? Unsere Nächsten haben dies am nötigsten. Das bedeutet überhaupt nicht, immer lächelnd den Erwartungen zu entsprechen, sondern im Verbundensein in den entstehenden Situationen, in der Gegenwart zu antworten.

Wichtig ist, dass wir nicht aus einer grundsätzlichen Verweigerung heraus handeln oder uns äussern. Das würde bedeuten, dass wir aus der Vergangenheit reagieren, wir sind dann nicht in der Gegenwart. Wir können schon sagen: «Ich habe das Gefühl, dass ich dir im Moment nichts geben kann» oder «es irritiert mich, wie du dich verhältst, hör doch endlich auf damit, sei Erwachsen.» Ein Schock kann auch eine Form der Manifestation von Liebe sein: Wir stellen uns dazu zur Verfügung, einem anderen einen Schock zu bereiten. Liebe bedeutet nicht liebsein, sondern mit unserer Ganzheit zur Verfügung zu stehen.

Ich wurde fast sechzig, bis ich das begriffen hatte. Ich habe nicht verstanden, warum mir immer wieder gesagt wurde: «Du entziehst dich». Ich wollte immer lieb sein und von oben herab helfen. Nicht hinuntersteigen, nur die Hand reichen. Ich wollte schon immer helfen. Aber ich war immer halbherzig dabei: Ich stellte mich nicht in die Situation hinein. Mein Konzept vom «Gut-sein» verhinderte das.

Manchmal braucht es so wenig für die Manifestation; eine kleine Geste, oder einfach die Mitteilung, wie es einem zumute ist: «Im Moment bin ich so, ich fühle mich auch hilflos. Ich sehe, du würdest das und das brauchen, und es tut mir weh, dir das nicht geben zu können.» Aber dann sind wir dabei, dann schotten wir uns nicht irgendwo in einer sicheren Ecke ab. Wir sperren uns nicht in die Einsamkeit – wir sind nicht «abgegrenzt» und damit ausgegrenzt. Geben wir uns so wie wir sind! Dann sind wir verbunden mit dem Leben, das uns gegeben ist.


Je weniger du hast, umso mehr kann durch dich gegeben werden.


Wenn ich zugebe, dass ich hilflos bin, fühlt sich der andere vielleicht stärker. Er entdeckt seine eigene Stärke. In ihm erwacht etwas, was durch die gewohnten, unfairen Auseinandersetzungen gar nicht wahrgenommen werden konnte.

Ich habe einmal ein Paar telefonisch begleitet. Sie leben seit Jahren zusammen und haben keine Kinder. Sie hatte sich während ein paar Monaten in einen anderen Mann verliebt. Er litt furchtbar darunter. Manchmal rief er mich spätabends an und weinte seinen Schmerz aus. Eines Tages telefonierte er und sagte: «Ich habe meiner Partnerin gegenüber eine so grosse Liebe erlebt, wie ich das nie für möglich gehalten hätte.» Er hat sie nicht verstossen, nicht davongejagt. Er wurde durch das unaussprechliche Leiden über seine Begrenzungen hinausgeschleudert. Er wurde durch das «Ertragen des Unerträglichen» (Karlfried Graf Dürckheim) reich beschenkt. Danach verschwand der Dritte und die partnerschaftliche Beziehung zwischen dem Ehepaar wurde stärker und intensiver. Wenn er mit einer Erwartung, mit einer Hoffnung, dass es so kommen würde, einen Spalt offen gelassen hätte, wenn er die Intensität seines Schmerzes dadurch vermindert hätte, wären sie beide um die Früchte ihres Prozesses betrogen worden.

Ein gemeinsamer Weg ist stark. Wir wissen nicht, was wir im anderen auslösen und was er braucht, indem wir so sind, wie wir sind. Wir brauchen Mut und Vertrauen um zu dem zu stehen, was wir sind. Damit geben wir dem Anderen ein grosses Geschenk; wir trauen ihm nämlich zu, dass er stark ist und dass er wachsen kann. Oft ist unsere eigene Hilflosigkeit eine Hilfe für den anderen. Wir werden dadurch, dass wir sind, dass wir da sind, zum Kanal der Hilfe, die wir von Oben erhalten.

Mitleid erzeugt Selbstmitleid und ist entmündigend, was zur Schwächung des anderen führt. Geben, uns geben, auch in unserer Schwäche. Unsere Unvollkommenheit und Hilflosigkeit kann eine Form des Dienens sein. Wir schenken uns so, wie wir sind. Bedingungslos, ohne Vorstellungen darüber, was und wie wir sein sollten.

Oft wird Ehrlichkeit falsch verstanden. Damit ist nicht die Haltung gemeint: «Na ja, das habe ich dir schon gesagt, es ist nun dein Problem, was du damit machst». Damit grenzen wir uns wieder ab, wir bleiben nicht verbunden. Verbundensein beinhaltet immer Spannung. Je mehr Spannung wir ertragen, umso mehr sind wir verbunden. Wir werden zur Verbindung – wie könnten wir dann noch einsam sein?!


Du kannst wählen: Entweder bist du ein Opfer, weil von dir etwas genommen wird, oder du bist privilegiert, weil du das schenken kannst, was der andere braucht.


Wie oft hören wir: «Ich würde so gerne das und das geben, aber der andere will von mir etwas anderes. Nein, dies will ich ihm nicht geben» oder, «da ist eine Blockade in mir». «Ich spüre eine Erwartung und da verweigere ich mich, oder es verweigert sich in mir.» Es ist sehr schmerzlich, wenn uns diese Verweigerung bewusst wird. Wir sind sicher, dass wir alles geben würden, aber nicht das, was der andere von uns gerade jetzt wirklich braucht. Wir meinen, in uns entstehe eine Sperrung durch die Forderungen oder Erwartungen des Gegenübers. Diese Sperre ist jedoch immer vorhanden, sie wird nur aktiviert durch die Erwartungen, die an uns herankommen. Wenn wir diesen Widerstand nicht auflösen, sondern trotzdem geben, werden wir krank. Oder der andere wird krank, weil wir explodieren, wie ein Pulverfass, das unter Druck steht und durch einen Funken entzündet wird. Durch unaufgelöste Widerstände ist eine lebendige Beziehung auf jeden Fall gefährdet.

Es gibt selbstverständlich auch Situationen, wo es uns nicht möglich ist, das Benötigte zu geben. Aber um zu unterscheiden, müssen wir versuchen - dort wo eine Beziehung grundsätzlich möglich ist - über unsere Grenzen hinaus zu geben. Und unter Umständen brechen dann die Begrenzungen zusammen. Oder die Widerstände verstärken sich, weil die Wurzeln des Widerstandes noch tiefer liegen. Es kann beides sein.

Nur wenn wir über unsere Grenzen hinausgehen, können wir erkennen, woher und in welchem Zusammenhang ein grundsätzliches Nein kommt. Wir dürfen nicht jede Begrenzung und jedes Nein in uns fraglos als unüberwindliches, endgültiges Hindernis betrachten oder mit Gewalt zu überwinden versuchen.

Es geht viel eher darum, das, was von uns genommen wird, in ein Geschenk umzuwandeln. Dann kann sich etwas grundlegend verändern. Wenn ich mit jemandem zusammen bin und es heisst: «Du nimmst mir die Kraft.», umkehren: «Brauchst du von meiner Energie, so schenke ich sie dir.» Dadurch kann sich grundsätzlich alles in uns und um uns herum verändern. Aber wir müssen sehr aufpassen, dass wir von Herzen sagen können: «Bitte nimm.» Nicht so tun, als ob. Uns nicht aus Gedanken, oder aus einer selbstgefälligen Sentimentalität heraus verschenken. Das kann nicht funktionieren.


Das bedingungslose Geben allein kann den Menschen zum MENSCHEN wachsen lassen.


Nur wenn wir so geben, wie ein Erwachsener einem Kind geben kann (was bei weitem nicht alle Erwachsenen können), dann werden wir zum Menschen. Viele Eltern haben grosse Erwartungen an ihre Kinder. Sie projizieren ihr eigenes, nicht gelebtes Leben in sie hinein. «Ich will nur das Beste für mein Kind.» So lebt jede Generation das Leben ihrer Eltern und nicht das eigene. Können wir unseren Kindern die Freiheit schenken, ihr eigenes Leben zu leben? Und gleichzeitig die anspruchsvolle Aufgabe auf uns nehmen, sie in voller Verantwortung zu erziehen? Es ist schwer, keine Erwartungen an die Kinder zu stellen und sie gleichzeitig so vorzubereiten, dass sie zu verantwortungsbewussten Menschen werden, die nach ihren eigenen Möglichkeiten Wertvolles leisten können. Wem das gelingt, der wird in seinen alten Tagen auch nicht von seinen Kindern allein gelassen: Das, was wir unseren Eltern geben, wirkt uns gegenüber in unseren eigenen Kindern weiter.

Wir werden erst erwachsen, wenn wir fähig sind, bedingungslos zu geben. Bedingungslosigkeit bedeutet in einer Beziehung, dass wir aufhören zu sagen oder auch nur zu denken: «Ja, aber du musst auch an dir arbeiten» oder «du musst das ändern, dann werde ich...» Wenn wir Bedingungen stellen, auch aus der hintersten, verborgensten Ecke in uns, dann ist unser Leben kein Geschenk mehr und dann kann unsere Bemühung auch nichts verändern.

Wiederum, wenn wir entdecken, dass unser Geben nicht rein ist, dass die Erwartungen und die Bedingungen es trüben, müssen wir uns selbst damit erleiden. Wir können nicht von heute auf morgen das Erkannte erfüllen. Die Schlacken der Vergangenheit können nur portionenweise aufgelöst und ausgeschieden werden. Doch die Ausrichtung ist wichtig. Unsere Absicht soll eine Richtung erhalten. Und wir müssen immer wieder an unsere Absicht erinnert werden.


Schenke dich ohne Mass. Jegliches Messen macht dich klein, schwach und hässlich.


«Ich habe dir das und das gegeben; das hab ich für dich geopfert; auf das habe ich verzichtet; diese Anstrengung habe ich auf mich genommen. Was hast du mir gegeben?» Diese und ähnliche Gedanken haben wir im Alltäglichen und in grossen Zusammenhängen. «Ich habe heute gekocht und geputzt und gewaschen und die Kinder den ganzen Tag ertragen... Womit hast du beigetragen?» Oder: «Ich rackere mich im Geschäft ab, und wenn ich müde nach Hause komme, empfängt mich ein erschöpftes, griesgrämiges Gesicht voller Erwartungen... Du kannst doch den ganzen Tag zu Hause sein!»

Wir können nicht messen. Wir können das Eine dem Anderen gegenüber nicht ermessen: Z. B. Gefühlsenergie mit dem Putzen messen. Woher sollten wir wissen, wieviel Anstrengung hinter einem liebevollen Lächeln verborgen ist? Sollte der Andere etwa sagen: «Ich habe mich den ganzen Tag bemüht, meine Sorgen, meinen Ärger im Geschäft und mein Kopfweh zu überwinden, damit ich dich nicht belaste»?

Wie viele Stunden Arbeit, für wieviel Gefühl? Jeder gibt das, was er kann und wenn in uns das Vertrauen lebendig ist, dann wissen wir, dass von der anderen Seite auch alles getan wird, was möglich ist.

Es kann trotzdem sein, dass zwei Menschen nicht zusammenkommen. Die Anstrengung reicht nur bis zu einem bestimmten Punkt und übrig bleibt eine Lücke. Jeder erwartet dann, dass der andere diese Lücke auffüllt. Manchmal ist es möglich, manchmal nicht. Manchmal kann der eine nur ganz wenig beitragen und der andere ist zu mehr fähig. Manchmal kann der eine nicht bis zur Mitte kommen und später reichen die Bemühungen fast für die ganze Strecke. Wollen wir eine Rechnung machen? Ich bin dir 95 mal bis zu 75% entgegen gekommen und du bist nur 22 mal bis zur Mitte gekommen?

Solche Rechnungen machen wir ständig in uns. Also: Schenke dich ohne Mass! Wie sagt es Thich Nhat Hanh?

«Ich atme für dich und du schenkst mir dein Lächeln.»


Das, was dir als Kind genommen wurde, gib als Erwachsener freiwillig hin.


Ich war 24 Jahre alt, als ich Gret Baumann begegnen durfte. Sie war eine Tochter von C. G. Jung, und sie arbeitete mit der Astrologie. Sie lehrte mich diesen Zusammenhang. Seine Bedeutung ist aus astrologischer Sicht schnell zu erkennen. Die existentielle Erfahrung wird erst mit zunehmendem Alter klarer.

Das liegt im Gegensatz zu dem, was die Psychologie sagt: «Du hast etwas als Kind nicht bekommen, was du jetzt brauchst. Versuch es dir zu holen. Du hast ein Recht darauf, du musst lernen, Forderungen zu stellen, um das zu erhalten, was dir deine Eltern nicht gegeben haben.»

Wir haben alle bestimmte Geburtskonstellationen. Sie beinhalten das, was geopfert wird, was bei jedem Einzelnen schon als Kind genommen wird. Natürlich kann das Kind nicht freiwillig etwas hingeben: Das Fehlen von Wärme, von Autorität, Gesundheit oder von sonst irgendetwas, das ist in unserem Lebensmuster von Anfang an eingeprägt. Die erste Manifestation von dem, was wir sind, wird scheinbar von aussen, an uns als Kind vollzogen. Dieses Grundmuster können wir als Erwachsene nicht in dem Sinn ändern, dass wir jetzt etwas nachholen und erhalten, was damals nicht möglich war. Nur indem wir es freiwillig hingeben, können wir etwas verändern, auch wenn es noch so schmerzt und etwas in uns tobt: «Warum gerade ich und gerade so, und immer wieder das gleiche, in verschiedenen Formen?». «Du musst das ändern, du musst endlich dein Muster ändern.» empfiehlt uns die psychologische Logik. Es ist nicht möglich, das Muster zu ändern, aber wir können es erlösen. So kann aus dem unendlichen Kreisen eine Spirale entstehen. Das Muster löst sich von der Bindung an die Horizontale und trägt uns hinauf in das Vertikale.

Der Planet Erde gibt sich der Sonne hin: Seine Kreisbahn wurde bei seiner Entstehung bestimmt, ihm war von vornherein keine Freiheit in seiner Bewegung zugelassen. Er kreist seither auf seiner vorgegebenen Bahn. Dadurch kann erst Leben erschaffen und genährt werden. Wenn die Erde sich «selbständig» machen würde, «frei» sein wollte von dem Gesetz, das ihre Bahn bestimmt, würde sie im All verloren gehen. Aber durch die bedingungslose Unterordnung – durch die Hingabe auf ihre Art – wird ihr Kreisen um die Sonne, zu einer Spiralbewegung durch das All, zum Kreisen um ein Zentrum grösserer Ordnung: Um das Zentrum der Milchstrasse. Die Sonne ermöglicht der Erde das «Steigen» in eine andere Dimension, die Erde als Planet wäre alleine dazu nicht fähig. Diese kosmische Analogie spricht für sich.

Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben, das meine Lebensbahn bestimmend gestaltet hat, soll das näher erläutern. Ich fühlte mich immer einsam und mit allem alleingelassen. Ich beklage mich heute nicht mehr darüber, obwohl ich manchmal immer noch unter dem Alleinsein leide. Ich sehe die Situationen in meiner Kindheit; die Spielkameraden, die Freundinnen, die mir weggenommen wurden, wie mir das Spielen mit anderen Kindern verboten wurde und ich weiss um die Folgen, weiss, dass ich mich nicht auseinander zu setzen und mich nicht zu wehren lernte. Das war der Preis dafür, dass in mir das Wesenhafte nicht vollständig durch die Einflüsse dieser Welt zugeschüttet wurde. Ich war einsam als Kind, in einem grossen Garten, hinter schützendem Eisenzaun eingesperrt, und erst im Alter erkannte ich die Werte, die mir diese stille, ruhige Kindheit geschenkt hat.

Es ist immer wieder die gleiche Art von Opfer, das durch das Leben von uns eingefordert wird. Wir können erst mit der Zeit erkennen, was es ist: Eine Karriere, eine Ausbildung, Gesundheit, Familie, Sicherheit, ein geliebter Mensch, Freiheit, usw. Opfer, ob es uns passt oder nicht, gehören genauso zum inneren Weg, wie Anstrengung, Erkenntnisse und Entfaltung. Wir werden nicht gefragt, es geschieht uns. Unseren Körper werden wir auch verlassen müssen, er wird uns genommen, das Sterben ist das letzte Opfer, das wir für unser Leben in dieser Welt bezahlen.

Astrologisch ist es das 8. Haus im Horoskop. Dieser Bereich zeigt während dem Leben an, welche Art von Opfer von uns verlangt wird. Dadurch wird die Spannkraft gebildet, die wir zur Verwirklichung brauchen. Ja sagen zum Opfer, ist die wirkliche Freiheit. Wenn wir das können, ist unser Wille wirklich frei. Im Nein-sagen bleiben wir Gefangene. Das Ja macht uns unabhängig davon, ob die Natur uns hochhebt oder fallen lässt. Durch das Jasagen wird das, was wir sind, von den Gezeiten der Zeit unabhängig.

Das Verstehen, was mit opfern gemeint ist, entsteht stufenweise. Zuerst können wir Ja-Sagen zu dem, was gerade jetzt geschieht, zu dem, was uns jetzt nicht gegeben ist oder was uns jetzt genommen wird. Ja sagen zum Schmerz, der entsteht, weil unser Bedürfnis jetzt nicht erfüllt wird. Allmählich erkennen wir dann ein Muster, wenn uns wiederholt das Gleiche genommen wird.

Etwas, was mir z. B. einige Male genommen wurde, waren Gärten, die ich äusserlich, mit meinen Händen erschaffen hatte - aus dem Nichts heraus. Es waren kleine, blühende Paradiese. Sie wurden mir genommen und zerstört. Ich weiss, wenn ich von hier, wo ich jetzt wohne, weggehe, wird sich niemand um die Blumen kümmern. Das erste Mal war es am allerschwersten, «meinen Garten» zurückzulassen: Eine 7-jährige Arbeit, die meine physischen Kräfte bis zum äussersten gefordert hatte, um ein 1300 quadratmeter grosses, verwildertes Gelände m2 für m2 in einen Garten zu verwandeln. Ich war krank, und ich musste ihn zurücklassen. Das tat furchtbar weh. Was ich durch diese Art von Opfern gelernt habe: Das, was geboren wird, wird einmal sterben. Das, was wir erschaffen, was uns gegeben wird, ist uns nur für eine gewisse Zeit gegeben. Etwas Schönes zu erschaffen ist eine wunderbare Erfahrung, es ist Leben. Das Erschaffene zurückzugeben, ist sterben. Genau dieses Leben und Sterben ist das, was DAS LEBEN ausmacht.

Alles, was wir aufbauen, wenn es noch so schön und nützlich ist, wird einmal zerstört – es stirbt, es zerfällt. Ganze Kulturen sind zerfallen und werden zerfallen. Diese grundsätzliche Erfahrung ist mir durch das Opfern meiner Gärten beigebracht worden. Heute habe ich damit kein Problem, etwas das ich aufgebaut habe zurückzulassen, und dann zu sehen, wie es zerfällt. Natürlich schmerzt es, aber diesen Schmerz des Sterbens nehme ich in Dankbarkeit an, weil mir dadurch die Spannkraft für die nächste Wegstrecke geschenkt wird. Der Körper wird auch zerfallen, obwohl ich alles versuche, ihm immer wieder das zu geben, was er für seine Funktionen braucht. Weil unser Körper einmal zerfallen wird, kann ich ihn nicht schon jetzt aufgeben.

Durch ein bestimmtes, individuelles Muster wird uns eine Grunderfahrung und die Möglichkeit, darüber hinauszuwachsen, gegeben. Dazu wieder ein Beispiel aus meinem Leben. Als Kind wurde mir das Tanzen genommen. Mit 4-5 Jahren entstand eine Blockade, ich erinnere mich sehr klar, wo und wie sie geschah. Später musste ich immer wieder einsehen, dass ich aus irgendeinem Grund nicht zum Tanzen komme, obwohl ich die Sehnsucht danach im Körper wahrgenommen habe. Jahrzehntelang lebte ich mit dieser unerfüllten Sehnsucht. Heute wird mir von Zeit zu Zeit die Essenz des Tanzens geschenkt: Mit leichten Füssen durch das Leben zu tanzen. Irgendwann habe ich es erkannt und die Bereitschaft hat sich verinnerlicht.

Opfer wurden immer hinaufgetragen oder wenigstens auf den Altar hinaufgehoben, sie wurden nicht auf dem Boden vollzogen. Sie wurden Gott näher gebracht, wie es im hebräischen Wort für Opfer, „Korban“, ausgedrückt wird. Dann kommt das, was wir opfern, in einer gewandelten Form zurück. Wir können uns diese gewandelte Form nicht im voraus vorstellen. Im Moment spüren wir nur, dass uns etwas entrissen wird. Es kann auch sein, dass durch unser Opfer irgendwann, irgendwo ein Anderer etwas erhält. Das ist auch möglich. In uns wird ein Platz frei. Wir erhalten etwas anderes. Es wird in uns Raum frei für etwas Neues. Aber nur, wenn wir bedingungslos hingeben.

Vielleicht sehen wir hinterher, dass es die Gnade ist, welches dieses Opfer an uns vollzogen hat. Wir hätten den Platz nicht freiwillig geräumt. Und das, was diesen frei gewordenen Raum füllen kann, ist genau das, wonach wir uns gesehnt haben. Es ist nicht möglich, dass wir im Leben alles gleichzeitig erhalten. Das gehört zum Wesen der Zeit: In ihrer Dimension hat es keinen Platz für all das, was in der Ewigkeit zur Einheit gehört, was die Ganzheit jenseits der Zeit ausmacht.

Wir müssen uns nicht darum kümmern, was mit dem, was uns genommen wird, weiter geschieht. Wenn wir für andere mit Bejahung ein Opfer bringen, ohne Erwartung, strahlt es sowieso zurück. Ob der andere darum weiss oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Jesus sagt einmal: «Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.» Es ist von Jesus, vom Heiland unseres Wesens, die Rede. Wenn wir jemandem ganz konkret etwas geben, wenn wir ihm zuliebe eine Anstrengung über unsere Grenzen hinaus machen, dann nähren wir Jesus unseres Wesens existentiell. Das ist die Nahrung für Existenz in uns. Bedingungsloses Geben ist die Nahrung für denjenigen, der wir wirklich sind; aber das vermag die Bedürfnisse unserer Persönlichkeit nicht zu befriedigen. Die Persönlichkeit wird ständig jammern. Sie steht unter den logisch nachvollziehbaren Zusammenhängen der Psychologie.


Gib, wenn du bedürftig bist, damit du gefüllt wirst.


Wenn wir leer werden, können wir nicht aus der «Reserve» geben. Leer sein bedeutet, über keinen Besitz zu verfügen: Kein gepachtetes Wissen, keine Konzepte, keine Konserve für den Notfall, die uns in jeder Situation Sicherheit gibt. Wer leer geworden ist, ist «geistig arm» und darauf angewiesen, das Nötige aus dem lebendigen Moment zu empfangen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir nichts wissen. Genauso, wie das «nicht tun» etwas anderes ist, als nichts zu tun. Am Anfang des Weges ist es kaum möglich, den Unterschied zu verstehen. Der Weg zum Erkennen führt durch das bedingungslose Geben.

Erst das Geben öffnet uns als Kanal, durch welchen gegeben werden kann. Das, was unser Nächster braucht, wird uns im Augenblick der neuen Schöpfung gegeben. Wenn wir bereit sind, zu einem Kanal zu werden, empfangen wir gleichzeitig auch für uns selbst die nötige Nahrung, und unsere eigene Bedürftigkeit wird dabei bedeutungslos. Es ist wie mit der Muttermilch: Die Milch bildet sich erst im Mutterleib, wenn das Kind zu saugen beginnt.


«So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!» (Matth. 22, 21)


Vorsicht: Es gilt, sehr wach zu sein, und «die Perlen nicht vor die Säue zu werfen». Wir dürfen das Heilige in uns nicht durch eine falsch verstandene Ehrlichkeit dem Unverständnis preisgeben. Es ist notwendig, in der Welt die uns zugeteilte Rolle zu spielen. Bewusst und professionell.

Geben, richtig geben bedeutet, überall das Entsprechende zu geben. Nicht das, was in einer Welt nicht gebraucht werden kann oder missbraucht wird. Wenn jemand Hunger hat, dann braucht er ein Stück Brot und keine erhabene Rede über Gott oder eine Anleitung zur Meditation. Wenn wir auf dem Markt einkaufen, dann bemühen wir uns, für den günstigsten Preis die beste Qualität an Nahrung zu erhalten. Wir können auch nicht mit Liebe für ein Kilo Kartoffeln bezahlen! Der Bauer braucht Geld, um seine Familie ernähren und seinen Boden bestellen zu können.


«...lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut.» (Matth. 6, 3)


«Wer ein Egoist ist, der gibt gern. ...Und ich gebe sehr gerne» hat meine Mutter einmal gesagt. In den letzten Jahren ihres Lebens hatte sie uns Kindern fast unbemerkt alles, das Wert hatte, Stück für Stück verschenkt. Als wir uns dagegen wehrten, spielte sie die Beleidigte: «Du sollt mich nicht damit beleidigen, dass du das nicht annimmst». Ich brauchte einige Zeit, um sie zu erkennen; lange habe ich darin nur einen emotionalen Ausbruch gesehen, weil sie ihren Willen nicht durchsetzen konnte. Aber sie wollte uns nicht dadurch beschämen, dass wir «alles von ihr nehmen». Ja, sie wurde nur von wenigen erkannt.

Auch wenn wir nach aussen keine Ansprüche auf Anerkennung haben, besteht die Gefahr, dass wir innerlich dennoch damit rechnen. Das kann dazu führen, dass wir uns im Groll vom Nächsten abwenden: «Er liebt mich nur, weil ich ihm das und jenes gebe.» Können wir etwa jemanden lieben, der uns nichts gibt? Erwarten wir von niemandem – nicht einmal von uns selbst – das, was nur Gott kann: Uns wegen uns selbst zu lieben!

Wir sollen nicht mit jeder Anstrengung versuchen, das gegebene Muster zu verändern, sondern erkennen, dass es möglich ist, es anders zu gebrauchen. Dazu ist vor allem das Wahrnehmen und Annehmen des Gegebenen notwendig, weil nur dadurch Wandlung geschehen kann. Das gegebene Lebensmuster wird erst dadurch eine neue Bedeutung erhalten und uns zu einer neuen, bis anhin unbekannten Dimension führen: Wo geben und nehmen keine Gegensätze sind. Dort erfahren wir, dass Gnade uns zusammengeführt hat. Wir erkennen dann:

Es ist die Kraft der Liebe,die uns
durch unsere gegenseitige Bedürftigkeit
am Verbundensein allen Seins teilnehmen lässt.




«Das göttliche Herz zieht euch in seinen Sog.
Gott ruft – ihr nähert euch IHM.
Noch näher könnt ihr IHM nicht kommen,
denn schon umarmt euch SEIN Herz.
VERWEILEN DÜRFT IHR DORT NICHT!

Die neue Liebe, der Neue Herzschlag ist anders,
ganz anders, als alles, was war.
Es ist GEBEN, immer nur GEBEN,
Pulsschlag, Entsendung.
Blutrot ist die Neue Liebe,
sie ist eine wunderbare Kraft,
Milch für das Neue KIND.
Ein Schlag SEINES Herzens ist ein Augenblick.
Ein Schlag SEINES Herzens ist eine Ewigkeit.
Jeder Schlag eine Wende von Millionen Jahren.

NUR DIE AUS SEINEM HERZEN KOMMENDEN KÖNNEN GEBEN.

Ein Neuer Rhythmus schafft Neue Welten;
nach Neuen Plänen wachsen Neue Organe.
Die Welt wird neu, wird hell, wird weit.»


Gitta Mallasz, Antwort der Engel


© Agnes Hidveghy






Comments

Vielen Dank
wundervolle Vermittlung ,geisteswissenschaftlicher Inhalte


, Germany
donataknapp@googlemail.com
added 2012-07-27


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