Martin, Bruno

Die Suppe muss scharf sein - War Gurdjieff ein Zen-Meister?


Zen ist die besondere Weitergabe der Lehre außerhalb der buddhistischen Schriften. Wie bei allen Meistern, die Schriften hinterlassen haben, gibt es auch bei G. I. Gurdjieff (1866-1949), der eine "Schule des Augenblicks" Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in den Westen brachte, eine Weitergabe seiner Lehre "außerhalb der Schriften". Bruno Martin lehrt seit über 30 Jahren Gurdjieffs Methode und entdeckte, dass diese Methode im Wesentlichen der Zen Lehre entspricht. Der folgende Beitrag beleuchtet diesen unbekannten Aspekt.

Zitat: "Schülerin: Diese Suppe ist aber scharf. Gurdjieff: Jede gute Sache ist scharf - das muss so sein."

G. I. Gurdjieff verabscheute alles "laue". Immer wieder betonte er: "Wenn du etwas machst, dann mache es gut. Gebe dich rückhaltlos hin. Etwas, das genau werden soll, muss präzise bearbeitet werden - das gilt auch für den Menschen. Arbeit sollte kein Wunsch sein, sondern eine Notwendigkeit. Suche dir eine Aufgabe, die dir etwas abverlangt." Wenn wir etwas tun, so seine Lehre, dann sollten wir es mit Ausdauer verfolgen. Seine berühmte Geschichte des kaukasischen Bauern, der ihm unbekannte, leuchtend rote Früchte auf dem Markt kaufte, ist ein bildhaftes Beispiel dafür. Als der Mann auf dem Weg nach Hause eine Rast einlegte und einige dieser "Früchte" verzehrte und dabei die volle Schärfe einer Chilischote erfuhr, aß trotzdem weiter: "Ich werde nicht aufhören", sagte er zu einem Mitwanderer. "Habe ich doch meine letzten sechs Groschen dafür bezahlt! Und müsst ich selbst meine Seele aufgeben, ich würde weiter essen."
Einige große Zen Meistern verhielten sich ebenso kompromisslos. Der Zen Meister Gutei hatte die Angewohnheit, alle Fragen seiner Schüler zu beantworten, indem er einfach einen Finger hob. Eines Tages bat ein Besucher einen der Schüler, ihm die zentrale Lehre seines Meisters zu erläutern. Als Antwort imitierte der Schüler den Meister und hielt einen Finger hoch. Gutei hörte da-von, rief den jungen Mann zu sich und schlug ihm plötzlich den Finger ab. Als der Schüler mit Schmerzen davonrannte, rief ihn der Meister zurück. Der Schüler drehte sich um und sah, wie der Meister seinen Finger hob. Es wird erzählt, dass der Schüler so seine Erleuchtung erfuhr. Heute würde Gutei wohl einen Schadenersatzprozess am Hals haben...
Meister Hakuin kommentierte den zentralen philosophischen Gedanken des Zen "Form ist Leere, Leere ist Form" mit den Worten: "Schund! Was für ein nutzloser Haufen Schrott! Versucht nicht, Affen beizubringen, wie man auf Bäume klettert! Diese Ware liegt seit zweitausend Jahren in den Regalen und eignet sich nur als Staubfänger."

Zen ist radikal. Es fordert die Menschen auf, die Welt immer wieder auf neue Weise zu sehen. Gerade die chinesische Linie des Ch'an war "Down-to-Earth". Das Leben eines Mönches bestand aus harter körperlicher Arbeit. Er schlief und meditierte auf derselben Matte, flickte seine Robe und pflanzte Gemüse an. Seine Lehrer teilten die Arbeit mit ihm. Die Verehrung von Buddha Figuren und komplexen Ritualen wurde vollkommen abgelehnt, und gelegentlich ging dieses Verhalten so weit, dass alle "heiligen" Schriften verbrannt wurden, denn nicht das auswendig gelernte Wissen zählt, sondern die eigene Erkenntnis. Während seiner berühmten rituellen Mahlzeiten mit den "Toasts auf die Idio-ten" praktizierte Gurdjieff dasselbe Prinzip. Wer etwas über sich erfahren woll-te, musste trotz reichlichem Genuss von Wodka hellwach im Augenblick sein. Wer es wagte eine theoretische Frage zu stellen, wurde von Gurdjieff als "Stück Scheiße" bezeichnet.

Es heißt, dass Zen die besondere Weitergabe der Lehre des Buddha außerhalb der Schriften sei. Deshalb soll die Zen Lehre mit der Blumenpredigt des Buddha begonnen haben, als er in seiner wortlosen "Blumenpredigt" statt zu sprechen einfach eine Blume hochhielt. Sein Schüler Kashyapa lächelte und zeigte dem Buddha dadurch, dass er in diesem Augenblick Erleuchtung erfahren hat-te. Die Lehre des Zen wird also viel mehr "von Herz zu Herz" und nicht durch Worte weitergegeben. Das praktizierte Gurdjieff auch in der Weitergabe seiner Lehre. Wie bei allen Meister, die auch Schriften hinterließen, bauten sich viele seiner Schüler ein Gefängnis aus seinen Worten. Gurdjieff ist längst gestorben, andere Meister auch.

"Wollt ihr die Dinge richtig sehen können, dann lasst Euch von niemandem verwirren. Wer immer euch begegnet, außerhalb oder innerhalb von euch, den tötet sofort. Trefft ihr Buddha, dann tötet ihn. Trefft ihr einen alten Meister, tötet ihn. Befreit euch von allem, dann wird nichts mehr euch behindern. Löst euch von allem los und seid unabhängig." Lin-chi (Rinzai)

Zen ist eine "Schule des Augenblicks", die in jeder Situation und jeder Zeit immer wieder von kreativen Geistern neu belebt wird. Der Meister Basho (1644-1694) sagte dazu: "Suche nicht den Weg der Vorfahren, suche das, was auch sie gesucht haben." Diese Idee wird durch eine der drei "großen Qualitäten" des Zen-Schulungswegs ausgedrückt, dem "Großen Zweifel". Die Idee dahinter besagt, dass das Leben immer als Frage zu verstehen ist, die noch der Antwort harrt, das Geheimnis unseres Lebens und des Kosmos anzuerken-nen und dieses Geheimnis unermüdlich und mit fester Absicht enthüllen zu wollen. Dazu gehört die zweite Qualität der "großen Entschlossenheit", der Wille, regelmäßig und mit bewusster Entschlossenheit zu üben und hart daran zu arbeiten, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die unsere Erkenntnis verstellen. Es ist auch die Entschlossenheit, sich für die Bedürfnisse aller Mit-wesen zu sensibilisieren und Mitgefühl für sie zu entwickeln. Das alles wird möglich durch die dritte Qualität des "großen Glaubens", dass in allen Wesen die Buddha Natur innewohnt, dass wir Erleuchtung erfahren und unsere wahre Natur "sehen" können.

"Wenn nicht angespornt, kein Erwachen; wenn nicht in die Enge getrieben, kein Durchbruch." Zen-Weisheit

Wie im Zen ist auch bei Gurdjieff der Alltag und das "gewöhnliche" Leben das große Übungsfeld. Erleuchtung kann überall und in jeder Situation aufblitzen. Der große Interpret des Zen, D.T. Suzuki, bringt den Zen Weg auf den Punkt: "Das Ziel der Zen Übungen ist das Erreichen eines neuen Blickpunktes für die Einsicht in das Wesen der Welt... Du und ich, wir leben scheinbar in der glei-chen Welt, aber wer kann sagen, ob das Ding, das wir gemeinhin einen Stein nennen, für uns beide dasselbe ist?" Die Erreichung dieses neuen Blickpunktes im Zen heißt Satori (wu im Chinesischen). Ohne Satori gibt es kein Zen, denn das Leben des Zen beginnt mit der Erfahrung des Satori. Satori enthüllt eine "neue Welt". Suzuki: "Was immer für Lehren es im Zen gibt, sie kommen aus dem Inneren jedes einzelnen. Wir sind selbst unsere Lehrer. Zen weist nur den Weg." Satori löst die Identifizierung mit dem Verstand, den Gefühlen und dem Körper und öffnet so den Weg zur direkten Erfahrung der Einzigartigkeit des eigenen Wesens.

Es ist nicht die Lehre, die zu einem Ziel führt. Lehren sind "der Fingerzeig, der zum Mond weist". Dabei darf der Finger nicht mit dem Mond verwechselt wer-den. Zen und andere kreative Lehren zeigen nur einen Weg: den Weg zur Wirklichkeit. Wirklichkeit ist nicht irgendwo, sondern immer hier, bei uns und mit uns. Es geht darum, das zu erkennen, was bereits vorhanden ist, was wir sind und was wir immer waren: der erleuchtete Geist.

In diesem Sinne kann die Erweckung des erleuchteten Geistes kein Ziel sein, da er immer in allem gegenwärtig ist. Der Zen-Weg ist der Weg des Lebens mitten im Leben. Die Entdeckung der Wirklichkeit oder des So Seins liegt direkt vor unseren Augen. Jeder Augenblick unserer Existenz ist die Wirklichkeit des Lebens. Die "äußere" Welt ist deshalb nicht getrennt von uns, sie ist auch unsere "innere Welt". Jede wache Wahrnehmung des Seins wird in und von unserem unbewegten Geist erfahren. Ohne die Aktivität unseres eigenen Geistes gibt es keine Erscheinungen, keine Wirklichkeit, keine Welt.

"Der Himmel ist immer der Himmel. Wenn auch Wolken und Blitze kommen, der Himmel ist nicht verwirrt." Shunryu Suzuki

Die Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erkennen und zu erwachen, die eigentliche Bedeutung des Begriffes satori, bietet sich zu jeder Zeit. Zen lädt deshalb ein, die Augen zu öffnen, um die Vielfalt und Schönheit des Lebens immer wieder neu zu entdecken. Das beinhaltet zugleich, unserem Bewusstsein nicht zu erlauben, sich von der Einsicht und dem Erkennen ablenken zu lassen, weder an etwas anzuhaften, noch sich selbst zu vergessen.

Weisheit oder Erkennen ist dabei die Einsicht in das eigene, wahre Selbst jenseits der Verhaftungen an die Alltagspersönlichkeit. "Sehen" ist die Erfahrung des unbewegten Selbst, die Einsicht in die wahre Natur der Wirklichkeit. Das chinesische Schriftzeichen Wu - das meist als "Erleuchtung" übersetzt wird - besteht aus dem Begriff "Herz" bzw. Geist, das synonym damit ist, und aus dem Begriff mein. Das Schriftzeichen bedeutet also: "In meinem eigenen Her-zen fühlen" oder "in meinem eigenen Geiste erfahren".

Diese Erkenntnis führt zum Gedanken der Nichtverhaftung weder an etwas noch an nichts. "Wenn alles leer ist, findet kein Halten an etwas statt". Der Schluss, den der große Zen-Meister des 7. Jhdt. Hui-Neng, der Begründer der "Schule der plötzlichen Erweckung", daraus zieht ist, dass Zen (vom indischen Dhyana, d.h. Meditation abgeleitet) nichts mit Sitzen in Meditation zu tun hat, sondern vielmehr Handeln, Bewegung, Vollbringen von Taten, Sehen, Hören, Denken und Erinnern ist. Dhyana - also Zen - wird mitten im Leben erlangt, denn Einsicht und Handeln sind gleich.

Schüler: "Was soll ich tun, wenn da immer noch der Schatten eines Zweifels übrig ist?" Meister: "Selbst Einheit, wenn man sich an sie klammert, liegt weit vom Ziel."

Zen in diesem Sinne kann deshalb auch keine reglementierte oder sogar klösterliche Lehre sein, es findet mitten im Leben statt. Zen ist in erster Linie pragmatisch und praktisch. Hier trifft es sich mit der Lehre von Gurdjieff. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass die "Schule des Augenblicks" als Zen Weg die eigentliche Lehre Gurdjieffs "außerhalb seiner Schriften" ist. Wenn man mit einem neuen Blick an die Lehre Gurdjieffs herangeht, kann man entdecken, dass er ein "Zen Meister" war, auch wenn er nicht in der "klassischen" Zen Tradition stand. Doch seine Art zu leben und zu lehren entspricht der Art der großen "verrückten" Meister aller Traditionen. Ich vermute sogar, dass er auf seinen Reisen in die Mongolei und nach Tibet direkt oder indirekt (über einige Sufi Meister in Taschkent) mit der chinesischen Zen-Tradition in Verbin-dung kam.

Wegweisende Lehrer leben und lehren den Zen mit einem unabhängigen, kreativen Geist. Wie mit dem Finger, der auf den Mond weist, sollte man jedoch die Lehren eines "großen Meisters" nur als Wegzeiger nehmen und nicht als fertiges System. Gurdjieff versuchte, wie viele vor und nach ihm - man denke nur an Osho - den "Weg der weißen Wolke" (chin. Dao) für einen westlichen Menschen im Alltag gangbar machen.

"Der Mensch muss einsehen, dass er nicht existiert; er muss einsehen, dass er nichts verlieren kann, weil er nichts zu verlieren hat; er muss seine Nichtigkeit im vollen Sinne des Wortes einsehen." G. I. Gurdjieff

Könnte dieses Zitat nicht auch von einem der Zen Meister stammen? Entkleide ich die Lehre Gurdjieffs von allen Theorien, die mir die Sicht verstellen, schälen sich drei wesentliche Pfeiler heraus: Selbst-Studium, Selbst-Beobachtung und Selbst-Erinnerung. Diese entsprechen den drei Pfeilern des Zen - Lehre, Übung, Erleuchtung.

Gurdjieffs Begriffe mögen in die Zeit der Anfänge der Freudschen Psychologie gepasst haben, heute jedoch können sie von den meisten "egokratisch" inter-pretiert werden. Die Menschen beschäftigen sich immer stärker nur "mit sich selbst". Dabei ist das Gegenteil gemeint: "Selbst-Studium ist die Arbeit oder der Weg, der zur Selbstkenntnis führt." Damit ist nicht die egozentrische Per-sönlichkeit gemeint, sondern das "wahre" Selbst des Menschen, unbekleidet von allen Äußerlichkeiten der angelernten Verhaltensweisen, der vielen Mas-ken, die wir angenommen haben. "Negative Gefühle wie Neid, Angst, Ärger usw." sagt Gurdjieff, "sind nützlich, denn sie zeigen uns etwas, was wir sonst nicht kennen würden. Doch wir müssen uns davon distanzieren, damit sie nicht in unserem Wesen bleiben." Selbst-Studium bedeutet so, alle menschli-chen Eigenschaften zu studieren, um schließlich das wahre Wesen zu erken-nen.

In die Sprache des Zen übersetzt bedeutet Selbst-Studium die Erweckung des "forschenden, offenen Geistes". Wenn wir Mensch und Welt mit offenen Augen betrachten, wird uns deutlich, dass das menschliche Leben und das Universum eine Gemeinsamkeit haben: sie sind eine riesige Bühne, auf der ein Schauspiel voll unendlich komplizierter Wechselwirkungen aller Kräfte aufgeführt wird - und wir Menschen sind ein Teil dieser Aufführung. Eine Zen-Geschichte illustriert diesen Tatbestand: Zwei Mönche diskutierten über das Flattern einer Fahne im Wind. Einer behauptete, dass sich die Fahne bewegte, der andere meinte, es wäre der Wind. Der Meister, der ihnen zuhörte, schnitt diesen Dualismus durch: "Es bewegt sich weder die Fahne noch der Wind. Was sich bewegt, ist euer Geist."

Um zur eigenen Einsicht in derartige Phänomene zu gelangen, ist ein offener, forschender Geist des Übenden notwendig, der alle Erscheinungen und Verhaltensweisen studiert, auch die Erforschung des Körpers, des Gehirns und der Welt, um schließlich zur Erkenntnis der Wirklichkeit des Seins durchzustoßen. Bewegt sich unser Geist tatsächlich?

Der eigentliche Übungsweg ist die Selbst-Beobachtung. "Die Selbst-Beobachtung bringt den Menschen zur Einsicht in die Notwendigkeit der Selbst-Wandlung. Und während er sich beobachtet, bemerkt er, dass die Selbst-Beobachtung an sich schon verschiedene Wandlungen in seinen inneren Vorgängen hervorruft. Er beginnt zu verstehen, dass die Selbst-Beobachtung ein ... Mittel zum Erwachen darstellt." (G. I. Gurdjieff)

Doch was ist "Selbst-Beobachtung"? Im Zen wird die Frage gestellt: "Wenn du deinen Geist beobachtest, wird du bemerken, dass es zwischen den Gedanken Momente gibt, in denen der Geist frei von allem ist. Und doch ist etwas da. Was kann das sein?" Solange ein Teil meiner Persönlichkeit, die vielen, verän-derlichen "Egos" in meinem Kopf, andere Teile dieser Persönlichkeiten "beo-bachtet", dreht sich alles nur um "mich selbst". Diese Art, sich "selbst zu se-hen" wurde inzwischen zur Volkskrankheit. Ich ziehe deshalb den Begriff "Übung der Bewusstheit" oder "Übung der Aufmerksamkeit" vor. Achtsamkeit ist die eigentliche Meditation, Dhyana, japanisch Zenna. Dhyana hat die Sprach-wurzel dhi, wahrnehmen, nachdenken, kontemplieren, den Geist auf einen Gegenstand richten. Dhyana heißt also den Geist sammeln, die Gedanken nicht abschweifen lassen. Aufmerksamkeit geht im Zen wie bei Gurdjieff nur zusammen mit bewusster, entschlossener Anstrengung.

Aufmerksamkeit ist das besondere Instrument des Willens zur direkten Wahrnehmung von allem was ist und so wie es ist, ohne irgendeine Bewertung. Aufmerksame Wahr-nehmung ist das "Organ" des Geistes. Ohne Aufmerksamkeit nehmen wir die Welt nicht wahr und sind in diesem Moment nicht-existent, wir leben nicht, sondern "werden gelebt".

Diese bewusste Achtsamkeit sollten wir entwickeln, damit wir jeden Moment unseres Lebens mit wachem Bewusstsein erleben. Wir sind uns dann bewusst, wie wir sitzen, gehen, stehen, liegen, arbeiten. Dazu gehört auch die Bewusstheit des eigenen Körpers und des Atems. Bewusstes Atmen hat noch eine andere, weitere Bedeutung, die besonders im Tao-Yoga und bei Gurdjieff akzentuiert wird. Die Lebenskraft, Qi, die wir mit dem bewussten Atmen aufnehmen, verbindet Geist und Körper.

Durch Selbst-Beobachtung gelingt es allmählich, den Kreislauf der Verhaftungen zu durchbrechen und in den Zustand der Selbst-Erinnerung zu gelangen. Leider hat der Begriff "Selbst-Erinnerung" nur Verwirrung gestiftet. Ich halte es für hilfreicher diesen Zustand des bewussten Gewahrseins als "Selbst-Innewerden" zu bezeichnen. Zen Meister sagen, dieser Zustand ist immer gegenwärtig in allem was geschieht. Doch um in diese "Erleuchtung" oder "Erweckung" des Geistes zu kommen, ist es notwendig, alle Umstände klar zu erkennen, die einem davon abhalten. Dazu gehört vor allem Identifikation (Gurdjieff) oder Anhaftung (Zen). Anhaftung geschieht ständig: Menschen identifizieren sich mit ihrem Aussehen, ihrem Beruf, ihrer Rolle in der Familie, mit Gurus oder "Erleuchteten". Sie identifizieren sich mit ihrem Erfolg, mit ihrem Wissen, mit ihrer Erfahrung, mit ihren Gefühlen. Deshalb sagt Gurdjieff: "Ein Mensch, der sich mit irgend etwas identifiziert, kann sich nicht selbst erinnern." Wer kann diese Umstände und Hindernisse erkennen? Das kann nur der freie, unbewegte Geist bzw. das "wahre" Selbst.

Die Inhalte der Zen-Lehre und der Lehre Gurdjieffs unterscheiden sich für mich nur in Details und der Form der Darstellung. Im Wesentlichen zielen sie in dieselbe Richtung. Zu allen Zeiten gab es "Erleuchtete" und freie Geister, die sich von den strengen Regeln des klösterlichen Zen frei machten und eigene Wege gingen. Teilweise waren sie so ungewöhnlich, dass man sie "verrückte Wolken" nannte. Bei ihnen schwang der kreative Geist des Zen am stärksten mit. Deshalb verstehe ich eine "Schule des Augenblicks" wie den Zen Weg in dieser Mischung von Selbstdisziplin in der Übung und offenem Forschergeist, der immer neue Einsichten gewinnen will.

"Zen der plötzlichen Erleuchtung" bedeutet für mich zu lernen, aus dem Dualismus des Denkens und gewohnten Wahrnehmens auszubrechen, an nichts zu verhaften und im So-Sein oder Selbst-Geist unbewegt zu bleiben.

"Die Natur des So-Seins ist unser ursprünglicher Geist, dessen wir uns bewusst sind. Und doch gibt es weder denjenigen, der sich eines Dinges bewusst ist, noch dasjenige, dessen er sich bewusst ist." (D.T. Suzuki)

Der Unterschied zwischen den Anhängern des Dhyāna, d.h. in der Meditation sitzen und auf Erleuchtung zu warten, und der Richtung des Prajña, im Bewusstsein zu erwachen, liegt im Verstehen, dass die Erweckung (Satori) nie als ein Erreichen oder Vollenden als Folge von Bemühungen betrachtet wird. Da es kein Erreichen in der Erweckung der Einsicht in die Selbstheit gibt, kann es auch kein Verweilen darin geben. Kein Erreichen, also auch kein Festhalten.

Wenn der unbewegte Geist in allen Verhältnissen klar bleibt, ist das Zen.
Der Übungsweg des Zen - ebenso wie der Übungsweg Gurdjieffs - besteht letzten Endes darin zu lernen, unbewegt von irgendeiner Verhaftung an eine weltliche Persönlichkeit oder eine Identifikation mit irgend etwas die Wirklichkeit zu erkennen. Jedes direkte Erkennen, das in keiner Weise verhaftet bleibt, ist eine Erweckung des Geistes, also Erleuchtung. Die "Erweckung" des leuch-tenden Geistes geschieht immer blitzartig, plötzlich. Das bedeutet auch, dass wir plötzlich wieder "schlafen" und die "Erleuchtung" nur eine Erinnerung bleibt. Niemand ist davon ausgenommen. Je häufiger wir in die Wirklichkeit erwachen, um so öfter können wir in der Wachheit des Geistes sein, die immer da ist, aber von unserem Alltagsbewusstsein unbemerkt bleibt. Wahrscheinlich besteht das Quiz des Lebens darin, "Erleuchtungspunkte" zu sammeln, damit die Kontinuität des erleuchteten Bewusstseins immer öfter erfahren werden kann. Irgendwann wachen wir dann nicht mehr gelegentlich ins Bewusstsein auf, sondern die Erleuchtung weckt uns auf.

Der Autor
Bruno Martin, geb. 1946, ist Buchverleger, Seminarleiter, Autor und Erforscher geistiger Welten seit über 35 Jahren. Buchveröffentlichungen u.a.: "Handbuch der spirituellen Wege", "Auf einem Raumschiff mit Gurdjieff" und "Zen der plötzlichen Erleuchtung".


Bruno Martin: Zen der plötzlichen Erleuchtung, Havelte 2004, Binkey Kok Verlag
D.T. Suzuki: Satori - Der Zen-Weg zur Befreiung, München 1987, O.W. Barth-Verlag
Oliver Bottini: Das Grosse O.W. Barth-Buch des Zen, München 2002, O.W. Barth-Verlag
David Fontana: Einführung in die Zen-Meditation, Berlin 2003, Theseus-Verlag

Neues Website von Bruno Martin: www.zensatori.de




www.gurdjieff-internet.com